Keine Stille nach dem Schuss: Terrorismus im deutschen Film

Titel

Keine Stille nach dem Schuss: Terrorismus im deutschen Film
Quelle: DIF
Ulrich Tukur, Sabine Wegner, Hans Kremer, Therese Affolter (v.l.n.r.) in "Stammheim" (1985)
 

Wenn von der Geschichte des Terrorismus in Deutschland die Rede ist, wird damit zumeist linksextremer Terror assoziiert. Die Geschichte der RAF (Rote Armee Fraktion) und ihre Folgen bestimmen das öffentliche Bild des Terrorismus in der Bundesrepublik. Daran hat sich bis heute wenig geändert – obwohl bereits in den 1970er Jahren, wie der Politologe Wolfgang Kraushaar betont hat, auch Gewalt einer “neuen Rechten” zu verzeichnen gewesen ist und rechtsradikale Anschläge auch heute eine gesellschaftliche Realität darstellen. Wenn sich auch das Bild des internationalen Terrorismus seit den Anschlägen vom 11. September 2001 radikal gewandelt hat, scheinen aus deutscher Perspektive – auch und gerade im Film – weiterhin die Ereignisse um die RAF in den 1970er und 1980er Jahren prägend. 

Quelle: Neue Visionen, DIF
Die Verhaftung von Holger Meins 1972 – Szene aus "Starbuck Holger Meins" (2001)
 

Die Bilder, die an diese Zeit erinnern, sind vorrangig durch Massenmedien, durch TV-Sender und Tages-/Wochenzeitungen, vermittelte: Andreas Baader und der halbnackte, abgemagerte Holger Meins bei ihrer Verhaftung; Fahndungsfotos von weiteren RAF-Protagonisten wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in den Nachrichten und als Plakate an öffentlichen Plätzen; der entführte Hanns Martin Schleyer vor der Kamera. Bilder wie diese setzten sich im Gedächtnis fest, während der deutsche Spielfilm zunächst kaum auf die Anfänge der RAF-Bewegung reagierte. Besondere Ausnahmen bilden dabei Volker Schlöndorffs und Margarethe von Trottas "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975), der nach einer Erzählung von Heinrich Böll die Folgen der Jagd nach der "Baader-Meinhof-Bande" beschreibt, und Rolf Olsens Thriller "Blutiger Freitag" (1972), der mit Mitteln des Exploitation-Kinos auf die Stimmung im Lande reagierte. Erst im Rückblick auf den sogenannten "Deutschen Herbst" jedoch sollten vermehrt dezidierte Auseinandersetzungen im deutschen Film stattfinden. Heute ist die Kinogeschichte der RAF und ihrer Folgen längst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Filmen – von Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" und Volker Schloendorffs "Die Stille nach dem Schuss" (beide 2000) über Andres Veiels "Black Box BRD" (2001) und Christopher Roths "Baader" (2002) bis zu "The Raspberry Reich" (2002-2004) von Bruce LaBruce und Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) – neue Perspektiven aufgezeigt. Demnächst wird Andres Veiel "Vesper, Ensslin, Baader" vorlegen, der als Spielfilm nach Gerd Koenens gleichnamigem Buch von den Anfängen der RAF handelt.

Politisches Kino als Gegenöffentlichkeit

Quelle: X Verleih AG, © dpa
Szene aus "Black Box BRD" (2001)
 

So wie die Entstehung der RAF 1970 von den Studentenprotesten der 1960er Jahre nicht zu trennen ist, so war die Studentenbewegung, die APO (Außerparlamentarische Opposition) und der damit verbundene Widerstand von Beginn an auch mit der Filmarbeit einer neuen Generation verbunden. Wesentlicher Schauplatz war Berlin. Im ersten Jahrgang (1966) der hier neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) verschmolzen Film, Politik und Agitation – vor allem nach den Schüssen aus der Dienstpistole des Polizisten Kurras, die am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch in West-Berlin töteten. Zu diesem ersten DFFB-Jahrgang gehörte neben später international erfolgreichen Filmemachern wie Harun Farocki, Hartmut Bitomsky, Helke Sander und Wolfgang Petersen auch Holger Meins, der 1974 als inhaftiertes Mitglied der RAF während seines Hungerstreiks in der JVA Wittlich starb. "Die politisch engagierten Studenten unter ihnen," erläutert der Publizist Tilmann Baumgärtel, "befanden sich von ihrem ersten Semester an in einem Dauerkonflikt mit der Leitung der Filmakademie, der nicht nur vom Berliner Senat, sondern bis hin zum Bonner Innenministerium mit Mißfallen zu Kenntnis genommen wurde und der fast zur Schließung der DFFB geführt hätte."

Quelle: Harun Farocki
Szene aus "Ihre Zeitungen" (1968)
 

Ihre Reaktionen auf die Tötung Benno Ohnesorgs und die vor allem von der "Bild"-Zeitung verbreitete Stimmung bestand nicht zuletzt darin, den Film als wichtiges Medium für eine Gegenöffentlichkeit zu nutzen. Die Idee vom politischen Kino führte zu zahlreichen Agitprop-Filmen wie "Ihre Zeitungen" (1968) und "Brecht die Macht der Manipulateure" (1967/68) – diese Filme waren Teil einer internationalen Bewegung, zu der beispielsweise auch das französische Filmprojekt der "Ciné-tracts" ("Flugblatt-Filme", 1968) gehörte, für das Regiegrößen wie Chris Marker, Jean-Luc Godard und Alain Resnais kurze Agitationsfilme drehten. "Plötzlich hatten viele einen viel höheren politischen Anspruch an sich selbst und wussten nicht, wie sie den umsetzten sollten", erinnert sich Harun Farocki. Sein eigener, von Holger Meins fotografierter Kurzfilm "Die Worte des Vorsitzenden" von 1967 zeigt, wie ein aus den Seiten der sogenannten "Mao-Bibel" gefalteter Pfeil auf eine Figur mit den Gesichtszügen des Schahs von Persien geworfen wird. Aus dem Off ist zu hören, "in unseren Händen" müssen die Worte des Vorsitzenden Mao zu "Waffen werden, die den Feind überraschend treffen". Von Worten zu Waffen – zum Phänomen 1968 und den Formen des Protests bis hin zur RAF gehört auch dieser Teil der Filmgeschichte: "Die kurzen Filme, die 1967 und 1968 an der DFFB entstanden", so Tilmann Baumgärtel, "zeichnen die Radikalisierung nach, die sich unter den deutschen Studenten anbahnte und die 1968 zu militanten Straßenaktionen und später zum Terrorismus führen sollte."

Deutscher Herbst: Erwachen und bleierne Zeit

Quelle: BArch, DFM, DIF, FMD, FMM / Mit freundl. Genehmigung der Fassbinder Foundation
Rainer Werner Fassbinder, Lieselotte Eder in "Deutschland im Herbst" (1977/78)
 

September/Oktober 1977: Die RAF ("Kommando Siegfried Hausner") entführt Hanns Martin Schleyer, im Austausch wird die Freilassung der in Stuttgart Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl-Raspe gefordert. Gegen die RAF-Häftlinge wird das "Kontaktsperregesetz" verabschiedet. Die Lufthansa-Maschine "Landshut" wird nach Mogadischu entführt, die GSG 9 befreit gewaltsam die Geiseln. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe werden in ihren Zellen tot aufgefunden, das offizielle Untersuchungsergebnis ergab: Selbstmord, einen Tag später wird Hanns-Martin Schleyer ermordet. "Deutschland im Herbst" – mit diesem außergewöhnlichen Kompilationsfilm reagierten gleich mehrere Filmemacherinnen und Filmemacher auf die Ereignisse im September und Oktober 1977. Über die Haltung der Filmschaffenden informierte der Filmverlag der Autoren: "Unter dem Eindruck einer weit verbreiteten Terroristenhysterie, einer undifferenzierten Sympathisanten-Verfolgung, einer drohenden Kriminalisierung jeglicher Kritik an den bestehenden Verhältnissen, einer allgemeinen Überwachungs- und Zensurenangst, vor allem aber aus Furcht vor der unheiligen Allianz von Terrorismus und Faschismus, begannen sie mit einem Film, der sich an die Demokratie unseres Landes widmet."Stellvertretend für Ihre Kolleginnen und Kollegen formulierten Alf Brustellin, Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Bernhard Sinkel 1978: "Man kann sicher annehmen, daß wir neun Regisseure, die diesen Film gemacht haben, verschiedene politische Ansichten haben. In einem sind wir uns einig: Wir sind nicht die Oberamtsrichter des Zeitgeschehens. Als Filmemacher ist es nicht unsere Sache, zu den hundertausend Auffassungen, die es zu Terror hier und dort, zu "Strafanspruch des Staates bis ins letztes Glied" gibt, die hunderttausendste richtige Theorie zu liefern." "Deutschland im Herbst" wurde als Meilenstein diskutiert – als "der aufregendste Film, den der junge deutsche Film bisher hervorgebracht hat" (Der Spiegel) – und 1978 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Mitsamt seinen "Schwächen", hat der Filmkritiker und spätere Filmemacher Hans-Christoph Blumenberg im März 1978 prognostiziert , könnte dieser Film als spontane Reaktion und "nicht gefiltert durch die Kompromisse des Gremien-Kinos" ein Modell "für eine unabhängige Kino-Arbeit" werden: "Der Film, der mit der von Alexander Kluge und Volker Schlöndorff aufgenommenen Trauerfeier für Hans-Martin Schleyer beginnt und mit dem tumultuarischen Begräbnis der drei toten Terroristen von Stammheim endet (mit eindringlichen Bildern voller Chaos und Hilflosigkeit, um die uns das Fernsehen betrogen hat), besitzt eine von Kluge und seiner Cutterin Beate Mainka-Jellinghaus ersonnene Struktur. Verbale und optische Assoziationen, historische Zitate (die Beerdigung des von Hitler zum Selbstmord gezwungenen Feldmarschalls Erwin Rommel, dessen Sohn den Terroristen eine menschenwürdige Bestattung zubilligt). Bilder vom Bundeswehr-Manöver "Standhafte Chatten", von Herbert Wehner auf dem SPD-Parteitag, drängen sich zwischen die einzelnen Beiträge, brechen sie auf, setzen sie in Beziehung zueinander."

Quelle: BArch, DIF, FMD , FMP, SDK
Jutta Lampe und Barbara Sukowa (vorne, v.l.n.r.) in "Die bleierne Zeit" (1981)
 

Auf "Deutschland im Herbst" folgten weitere prominente und viel beachtete Reaktionen. Neben Margarethe von Trottas erstem eigenen Spielfilm "Das zweite Erwachen der Christa Klages" (1978) und Reinhard Hauffs "Messer im Kopf" (1978) sorgten vor allem Rainer Werner Fassbinders "Die dritte Generation" (1979) und Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" (1981) für Aufsehen. Beide Filme entwarfen auf ihre Weise typische Lesarten der RAF. "In Rainer Werner Fassbinders Farce "Die Dritte Generation"", so der Journalist und Filmkritiker Stefan Reinecke, "tauchen die Terroristen als Marionetten des Kapitals auf, in Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit", angelehnt an die Biografie von Gudrun und Christiane Ensslin, erscheint die RAF als ein tragisches Ergebnis deutscher (Familien-)Geschichte. Trotta fokussiert die Beziehung der beiden Schwestern: Juliane (Jutta Lampe), die Geduld und Reform vertritt, und Marianne (Barbara Sukowa), die auf revolutionäre Gewalt setzt. Diese Beziehung ist das Kraftzentrum des Films – ein weiblicher Kampf um Loyalität und Anerkennung, ein Rollenspiel. (...) Fassbinder interessiert sich nicht für Erfahrungen, Biografie und Sinn, sondern für eine Verschwörungsidee. "Die Dritte Generation" steigert den Irrsinn von Terror und Terrorbekämpfung zur aberwitzigen Fantasie: Die Terroristen sind mannigfach mit Staat und Kapital verbunden. Verrat ist keine Ausnahme, sondern Struktur."

Quelle: Kinowelt, Fassbinder Foundation, DIF / Mit freundl. Genehmigung der Fassbinder Foundation
Margit Carstensen und Günther Kaufmann in "Die Dritte Generation" (1979)
 

Nach Fassbinders und von Trottas Arbeiten verschwanden die Themen "Deutscher Herbst", "Bewegung 2. Juni" und "RAF" zunächst zusehends aus dem deutschen Film. Ausnahmen in den 1980er und 1990er Jahren bildeten Reinhard Hauffs "Stammheim" (1985) – die szenische Rekonstruktion des Prozesses gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe –, Hans-Christoph Blumenbergs Satire "Rotwang muß weg!" (1994) – die, so Blumenberg, "etwas andere deutsche Komödie über Terrorismus, Mode, Dinosaurier und Imbißbuden" – sowie Philip Grönings "Die Terroristen!" (1991/1992), dessen Fernsehausstrahlung der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl als "unerträglichen Vorgang" bezeichnete. Margit Czenki, deren Geschichte bereits als Vorlage für "Das zweite Erwachen der Christa Klages" gedient hatte, verfilmte 1987 mit ihrem ersten Spielfilm "Komplizinnen" selbst ihre Erlebnisse um Widerstand, Bankraub und Haftbedingungen. Über die ansonsten dominierende Stille im deutschen Film zum Thema RAF, Terrorismus und Staatsgewalt hat Stefan Reinecke spekuliert: "Die Interpretationen schienen entworfen. Die Post-68er-Linken und die Alternativen bastelten an ihren Karrieren. Die Gegenwart, die reale RAF der dritten Generation, die weiter bombte, erschien als nicht mehr dramentaugliches Relikt der Vergangenheit. Zudem existierte die betonierte Konfrontation Staat/RAF weiter, kein Thema war von so viel Denk- und Darstellungsverboten verstellt. Das Schweigen des Kinos war unschwer als Vermeidungsverhalten in alle Richtungen zu deuten."

Neue (Rück-)Blicke

Quelle: Kinowelt, DIF
Bibiana Beglau, Alexander Beyer in "Die Stille nach dem Schuss" (2000)
 

Tatsächlich sollte der Themenkomplex erst nach der offiziellen Selbstauflösung der RAF 1998 ins Kino zurückkehren – nun aber umso nachhaltiger als Spiel- wie auch als Dokumentarfilm. Filme wie "Black Box BRD", "Die Stille nach dem Schuss", Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" und Gerd Conradts Dokumentation "Starbuck Holger Meins" (2001) versuchen Annäherungen an die RAF-Bewegung und ihre (ehemaligen) Mitglieder, indem sie den Blick nach innen richten, persönliche Lebensgeschichten erzählen und dabei Menschen in ihrer Vielschichtigkeit, brüchig und durchaus widersprüchlich zeigen. "Nur noch wie ein fernes Echo", hat der Filmkritiker Merten Worthmann zu "Die innere Sicherheit" bemerkt, "hallt die Geschichte nach". Man muss sie kennen, um dieses Echo zu vernehmen: “Die RAF wird kein einziges Mal erwähnt, Gespräche über Politik, ehemalige Ziele, Motive, Schuld oder Sühne finden nicht statt. Petzold weicht der Vergangenheitsbewältigung aus, weil es ihm um die Gegenwartsbewältigung geht: Wie offen darf man leben, wenn man versteckt leben muss? Wie kann man "im Untergrund" aufwachsen, und wann muss man ausbrechen?"

Quelle: Pegasos, DIF
Richy Müller, Julia Hummer, Barbara Auer (v.l.n.r.) in "Die innere Sicherheit" (2000)
 

Dagegen schlagen Spielfilme wie "Baader" oder "The Raspberry Reich" (in dem, so der Filmkritiker Georg Seeßlen, "der deutsche Terrorismus in einer Art von Underground-Pulp-Fiction als feuchter Traum erscheint") eher in die Kerbe eines Pop-Phänomens RAF, das etwa seit 2000/2001 als Umkehrung von Geschichte in Stil Erfolge feiert – z.B. in mit ”Prada-Meinhof” und ”RAF” bedruckten T-Shirts. "Was zählt, ist gestylte Faszination, eine Mixtur aus Glamour, kaltem Retroschick und einer Prise Todessehnsucht", betont Stefan Reinecke und präzisiert am Beispiel von Christopher Roths "Baader": "Nicht die Abweichung vom Fakt, nicht die Stilisierung ist das Problem, sondern die inhaltliche Unschärfe, dramaturgische Fahrigkeit und stilistische Unschlüssigkeit. Roth scheint, wie viele RAF-Popzeichen-Produzenten, von der ersten RAF-Generation sehr fasziniert zu sein, aber nicht genau zu wissen warum."

Nach dem 11. September

Die Anschläge vom 11.9.2001 auf das World Trade Center New York und das Pentagon in Washington änderten mitten in dieser RAF-Renaissance das Bild des internationalen, vernetzten Terrorismus. Neue Fragen nach der "inneren Sicherheit", nach dem Umgang mit der Angst vor als "Schläfer" getarnten Terroristen sowie nach deren Beweg- und Hintergründen drängten in den Vordergrund und wurden z.B. in Max Färberböcks "September" (2003) und Elmar Fischers "Fremder Freund" (2003) bearbeitet.

Quelle: X Verleih, DIF© zero film / Kerstin Stelter
Catharina Schuchmann, Justus von Dohnányi in "September" (2003)
 

Gleichwohl wurde damit die Ikonographie des Terrorismus in der Bundesrepublik nicht grundlegend verändert, blieben Geschichte und Folgen der RAF weiter ein Thema: so etwa in "Die fetten Jahre sind vorbei", Hans Weingartners viel beachtetem Film um junge Aktivisten, die in Berliner Villen einbrechen, Möbel verrücken, Chaos stiften, und als "Die Erziehungsberechtigten" Botschaften hinterlassen. Als coming-of-age-Geschichte erzählt der Film "so schlüssig wie leichthändig von der Repolitisierung der Jugend" (Christian Buß), und die Reaktionen der Filmkritik auf "Die fetten Jahre sind vorbei" belegen die bleibende Brisanz des Themas. Kaum zu glauben sei es, so Michael Kohler, "wie unverschämt unterhaltsam die deutschen Filme zur RAF mittlerweile geworden sind. Nachdem uns "Baader" lehrte, dass die Waffe stets im Peckinpah"schen Zentrum getragen wird, spinnt auch Hans Weingartner die Geschichte des bundesrepublikanischen Terrorismus in die Mythenwelt des Kinos fort." Tobias Kniebe hingegen verteidigt Hans Weingartner, der Radikalisierung "nicht, wie so oft in Ideenfilmen, einfach als leere Behauptung" erscheinen lasse und dem es nicht darum gehe, "der real existierenden Jugend einfach eine glasklare tödliche Idee aufzudrücken".

Quelle: Delphi-Film, DIF© Dirk Plamböck
Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg (v.l.n.r.) in "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004)
 

Der größte Gewinn der anhaltenden Beschäftigung des deutschen Films mit dem Themenkomplex RAF und Terrorismus könnte eben darin bestehen, auch den Bildern keine Idee aufzudrücken, sondern auf der Suche nach Bildern auch zu neuen Ideen und neuen Einsichten zu gelangen. Derzeit arbeitet Andres Veiel an dem Spielfilm "Vesper, Ensslin, Baader", der, so Veiel, "scheinbar bekannte Dinge komplett neu" zu erzählen versucht: "Die Geschichte der RAF fängt nicht 1967 an", erklärt der Filmemacher: "Ich will weiter zurückgehen. Ich will wissen, warum ein Mensch wie Gudrun Ensslin so geworden ist. Filme wie "Bleierne Zeit" sind in die Jahre gekommen, es gibt Neues zu entdecken, neue Deutungen. Ich will an die Wurzeln."

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