"Filmminister" Goebbels

Titel

"Filmminister" Goebbels

Kaum eine Darstellung zur Geschichte des Films im NS-Staat versäumt es, auf die beherrschende Figur des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels einzugehen. Das Bild des omnipotenten "Filmministers", NS-"Filmdiktators" und sogenannten "Propaganda-Genies" Goebbels dominierte dabei lange Zeit die einschlägige Fachliteratur, gilt aber mittlerweile als relativierungsbedürftig.Unbestreitbar ist das besondere Interesse, das Goebbels dem Massenmedium Film entgegenbrachte. Davon zeugen allein die unzähligen, oft täglichen Tagebucheintragungen, die Goebbels seit Mitte der 1920er Jahre diesem Thema widmete. Hinlänglich dokumentiert (in seinen eigenen Aufzeichnungen, wie auch durch Fremdzeugnisse) ist auch sein aktives Engagement in der Filmproduktion Nazideutschlands – von den filmpolitischen Maßnahmen zur Gleichschaltung des deutschen Films bis zu direkten persönlichen Eingriffen in einzelne Filmproduktionsabläufe insbesondere in der Rollenbesetzung.In seiner Eigenschaft als Minister für Volkserziehung und Propaganda war es dem selbsternannten "Schirmherrn des deutschen Films" gelungen, in der nationalsozialistischen Filmpolitik – analog zu den Herrschaftsstrukturen im NS-Staat – das Führerprinzip zu etablieren und nach und nach, alle zentralen Schlüsselfunktionen in seinem Machtbereich zu vereinen. Rechtlich war der hierarchisch-organisierte Apparat der NS-Kulturpolitik zentral auf die Person Goebbels hin ausgerichtet: So unterstanden ihm nicht nur die Filmbehörde im Reichspropagandaministeriums und die Zentrale Filmprüfstelle, sondern als Präsident der Reichskulturkammer auch die nachgeordnete Reichsfilmkammer. Wesentlich gestärkt wurde Goebbels Position noch durch ein 1935 verabschiedetes Gesetz, das ihm das Recht einräumte bei Zensurfragen über sämtliche Instanzen hinweg zu entscheiden. Ebenso hatte er bei der Prädikatisierung von Filmen das letzte Wort.

Quelle: DIF
Joseph Goebbels (1.v.l. sitzend) beim Besuch der Rosenhügel-Ateliers in Wien
 

Trotz dieser weitreichenden Kompetenzen jedoch war die Macht Goebbels' in der NS-Filmpolitik keineswegs uneingeschränkt. Tatsächlich kam es hier ebenso wie in den anderen Bereichen zu erheblichen internen Machtkämpfen – auch und gerade zwischen Goebbels und Reichsmarschall Herman Göring kam es zu Spannungen. Goebbels' filmpolitische Linie war in der Führungsriege der Nationalsozialisten oft umstritten, Hitler selbst nahm ebenfalls direkten Einfluß und insbesondere Goebbels' Favorisierung eines Unterhaltungskinos stand im Gegensatz zu radikaleren Forderungen nach offeneren "Gesinnungsfilmen". Einerseits also muß die zentrale Bedeutung und Verantwortung des Propagandaministers Goebbels auch in der Filmpolitik der Nazis und der damit geleisteten Unterstützung der NS-Verbrechen gesehen werden. Andererseits kann die Vorstellung vom omnipotenten "Filmminister" eine vereinfachende Geschichtsschreibung unterstützen, die sowohl Machtkämpfe und Widersprüche ignoriert als auch implizit all jene freispricht, die Anteil an der Planung und konkreten Umsetzung der NS-Filmpolitik gehabt haben.In diesem Sinne kann Goebbels als dominanter, doch nicht omnipotenter Faktor in der nationalsozialistischen Filmpolitik verstanden werden – zumal die NS-Führung in der deutschen Filmbranche, von wenigen Ausnahmen abgesehen, durchaus auf willige Gefolgsleute stieß. Das dämonisierende Bild eines "überirdischen Propagandagenies" indes arbeitet nicht nur prinzipiell einer Fortschreibung des nationalsozialistischen Führungskultes zu: Konkret kam es in der Nachkriegszeit auch den Exkulpationsstrategien ehemaliger Filmschaffender in Nazideutschland sehr gelegen.

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