Helma Sanders-Brahms

Helma Sanders-Brahms

Weitere Namen: Helma Brahms (Geburtsname); Helma Sanders (Weiterer Name)
Darstellerin, Regie, Drehbuch, Bauten, Kostümbild, Maskenbild, Schnitt, Sonstiges, Produzent, Sonstige_Produktionsangaben
*20.11.1940 Emden; †27.05.2014 Berlin

Biografie

Helma Sanders, geboren am 20. November 1940 in Emden, besucht nach dem Abitur 1960 zunächst die Schauspielschule Hannover und studiert ab 1962 bis 1965 Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Köln. Anschließend arbeitet Sanders als Fernsehansagerin für den WDR und hospitiert in Italien bei den Regisseuren Sergio Corbucci und Pier Paolo Pasolini – eine Erfahrung, die sie in der Entscheidung bestärkt, selbst Filme zu machen.

Ihr Regiedebüt gibt Helma Sander-Brahms 1970 mit dem halbstündigen Dokumentarfilm "Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt". Vom WDR als zu lang abgelehnt, wird der Film bei den Kurzfilmtagen Oberhausen 1970 mit zwei Preisen ausgezeichnet. Daraufhin erhält Brahms vom ZDF das Angebot, im Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" den Fernsehfilm "Gewalt" (1970) zu inszenieren.

Inspiriert vom kritischen Geist der ausgehenden 1960er Jahre dreht Sanders-Brahms kritische, politische TV-Filmen und Dokumentarfilme über die Arbeitswelt, über Migration und die Situation von Frauen im Nachkriegsdeutschland: So etwa "Die industrielle Reservearmee" (1971), der sich mit der Situation ausländischer Arbeiter in der Bundesrepublik befasst, und "Die Maschine" (1973), ein Film über die Arbeit an einer Rotationsmaschine. Der Dichter Heinrich von Kleist ist das Thema zweier Brahms-Filme jener Jahre: "Das Erdbeben von Chili" (1974) ist die Verfilmung der gleichnamigen Novelle und "Heinrich" (1977) eine Rekonstruktion des Lebens des Dichters.

1974/75 entsteht mit minimalem Budget der Film "Unter dem Pflaster ist der Strand", der nicht nur zu einem zentralen Werk der 68er-Bewegung avanciert, sondern auch einen Wendepunkt in Sanders' künstlerischer Annäherung an ihre Themen markiert. Fortan versucht sie in ihren Filme den "subjektiven Faktor" mit einzubeziehen und ihre individuelle Sichtweise sowie die ihrer Protagonisten mit der vorherrschenden gesellschaftlichen Situation in Beziehung zu setzen. Prominente Beispiele dieser Schaffensperiode sind "Shirins Hochzeit" (1976), "Deutschland, bleiche Mutter" (1980), "Die Berührte" (1981), "Flügel und Fesseln" (1984). Vor allem das Fernsehspiel "Shirins Hochzeit", das vom tragischen Schicksal einer vor der Zwangshochzeit nach Deutschland geflohenen Türkin erzählt, erregt großes Aufsehen: die türkischsprachige Presse in Deutschland startet eine Kampagne gegen den Film, in deren Folge es sogar zu Morddrohungen gegen die Hauptdarstellerin Ayten Erten kommt.

Aber auch bei Teilen der deutschen Filmkritik stoßen die Filme der Regisseurin auf Widerstand: Nicht zuletzt "Deutschland, bleiche Mutter" wird zum Anlass genommen, anstelle der "weiblichen Erinnerungsarbeit" nach einer "objektiveren", weniger "sentimentalen" und "selbstmitleidigen" Geschichtsdarstellung in den Filmen zu verlangen. Im Ausland hingegen, nicht zuletzt in Frankreich, werden ihre Werke beinahe unisono als Meilensteine des Neuen Deutschen Films gefeiert.

Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre thematisiert Sanders-Brahms das Leben in der DDR und die Beziehungen zur Bundesrepublik: "Manöver" (1988) ist ein komödiantisches Porträt über das Leben im geteilten Deutschland der 50er-Jahre, während "Apfelbäume" (1992) sich an einer Innenansicht der DDR versucht. Nach dem Künstlerporträt "Mein Herz – Niemandem!" (1996/97) über Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn wird es ruhiger um Sanders-Brahms, die neben der Filmarbeit immer wieder auch publizistisch tätig ist.

Erst 2003, sechs Jahre nach ihrer letzten Regiearbeit, meldet sie sich mit der melancholischen Liebesgeschichte "Die Farbe der Seele" im Kino zurück. Danach vergehen abermals fünf Jahre bis zu ihrem nächsten Film: Ende 2008 startet "Geliebte Clara" über die Dreiecksbeziehung von Clara Schuman, Robert Schumann und Johannes Brahms, einem entfernten Verwandten von Sanders-Brahms, in den deutschen Kinos.

Nach langem Krebsleiden stirbt Helma Sanders-Brahms am 27. Mai 2014 in Berlin.

Filmografie

2012 So wie ein Wunder - Das singende Kino des Herrn Heymann
Regie, Drehbuch
 
2007/2008 Geliebte Clara
Regie, Drehbuch, Co-Produzent
 
2005/2006 Schwarzer Schmetterling
Regie, Drehbuch
 
2003 Die Farbe der Seele
Regie, Drehbuch, Produzent
 
2000 The Films of the Fishes
Regie, Drehbuch, Produzent
 
2000 Glocken für Emden
Regie
 
1998/1999 Muttertier - Muttermensch
Mitwirkung
 
1996/1997 Mein Herz - Niemandem!
Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent
 
1995/1996 In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon
Recherche
 
1994/1995 Die Nacht der Regisseure
Mitwirkung
 
1994 Jetzt leben - Juden in Berlin
Regie, Drehbuch, Produzent
 
1994 Ein Schwarzer in der Traumfabrik
Regie
 
1991/1992 Apfelbäume
Regie, Drehbuch
 
1988 Manöver
Regie, Drehbuch, Maske, Produzent
 
1986/1987 Hermann mein Vater
Mitwirkung, Sprecher, Regie, Drehbuch, Kommentar, Interviews, Produzent
 
1986 Felix. Episode 1: Er am Ende
Regie, Drehbuch
 
1985/1986 Laputa
Regie, Drehbuch
 
1985 Alte Liebe
Regie, Drehbuch, Produzent
 
1984 Flügel und Fesseln
Darsteller, Sprecher, Regie, Drehbuch, Produzent
 
1981/1982 Lügenbotschaft
Darsteller, Regie, Drehbuch, Kostüme, Produzent
 
1981/1982 Luftwurzeln
Co-Produzent
 
1981 Die Berührte
Regie, Drehbuch, Ausstattung, Requisite, Kostüme, Maske, Produzent, Geschäftsführung
 
1980/1981 Der subjektive Faktor
Darsteller
 
1980 Rievkooche-Madonna
Regie, Schnitt
 
1979/1980 Deutschland bleiche Mutter
Sprecher, Regie, Drehbuch, Produzent
 
1979/1980 Joseph und die Gerechtigkeit
Sprecher, Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent
 
1978/1979 Im Reiche des Schokoladenkönigs
Sprecher, Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent
 
1976/1977 Heinrich
Regie, Drehbuch
 
1975/1976 Shirins Hochzeit
Sprecher, Regie, Drehbuch
 
1974/1975 Unter dem Pflaster ist der Strand
Sprecher, Regie, Drehbuch, Produzent
 
1974 Erdbeben in Chili
Regie, Drehbuch
 
1973/1974 Die letzten Tage von Gomorrha
Regie, Drehbuch
 
1972/1973 Die Maschine
Sprecher, Regie, Drehbuch, Produzent
 
1971/1972 Der Angestellte
Regie, Drehbuch
 
1970/1971 Gewalt
Regie, Drehbuch
 
1970/1971 Die industrielle Reserve-Armee
Sprecher, Regie, Drehbuch, Produzent
 
1969/1970 Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt
Sprecher, Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent