Das Wachsfigurenkabinett

Das Wachsfigurenkabinett

Deutschland 1923/1924, Spielfilm

Das Wachsfigurenkabinett


Dr. M–l. (= Dr. Mendel), Lichtbild-Bühne, Nr. 134, 15.11.1924


Künstler haben diesen Film geschaffen, wahre und im Herzen reine Künstler. Wir sind sicher, daß der schlichte Arbeiter der entzückenden Naivität, der bezaubernden Phantastik dieses ganz köstlichen Kunstwerkes sich weit eher noch hingeben wird, als dieses unser Premierenpublikum, dessen Wohlgefallen leider fast stets schon für eine gewisse Minderwertigkeit der betreffenden Arbeit zeugt. Muß man sich "weltfremder Literat" schelten lassen, weil einem derartige Versuche, das künstlerische Niveau des Films zu heben, gefallen haben? Ach nein! Mit "Literatur" hat dieser Film gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Literarisch schwächeres als das Manuskript Henrik Galeens gibt es kaum noch: Sprunghaft, ohne innere Zusammenhänge, ohne dramatische Steigerung. Also literarisch und dramaturgisch fast wertlos (hier wohl auch einer der Hauptgründe für den lauen Erfolg!). Was aber haben Paul Leni, der "Regisseur", und Leo Birinski, der "Spielleiter", trotz allem daraus zu machen verstanden! Wir vermuten wohl richtig, wenn wir im Regisseur Leni den technischen, im Spielleiter Birinski den darstellerischen Kommandeur annehmen. Auch wir müssen die abgedroschene Begründung hervorholen, daß es der Maler Leni ist, der diesem seinen Werk den Stempel aufdrückt. Das Ganze ist eine Künstlerlaune, ein graziöses und von Geist sprühendes Spiel, in dem das malerische weitaus die Hauptsache ist. Originelleres, als diese bizarren Bauten in Architekturen, die selbst den inhaltlich allerschändlichsten Schmarren noch zu köstlichstem Kunstgenuß machen würden. Hier wird der Stoff mit einer Virtuosität ins filmisch dankbarste Gebiet des Unwirklich-Märchenhaften übertragen auf eine Art, die selbst im ""Caligari"" und in dem ""Schatten"" ohnegleichen ist. Wir haben erfolgreichste Filmmärchen gesehen, die alle doch keine "Märchen" waren, eben weil sie diesen naiv-grotesken, zauberisch-phantastischen Stil nicht zu treffen wußten. Hier ist ureigenstes Filmgebiet, hier sollte Leni weiterbauen! Weit leichter hatte es Birinski mit seinen Darstellern, Da hatte er schon von vornherein edelstes Material: Jannings, Veidt, Krauß, Dieterle, Tiedtke, Gottowt, John und ein gleichwertiges, liebenswürdig-jugendliches Talent, Olga Belajeff. Es muß für ihn keine geringere Freude gewesen sein, diese Vollblutmenschen zu lenken, als für uns, sich an ihren Leistungen zu erbauen. Hei, wie: gab Jannings da "seinem Affen Zucker", als er diesen urkomischen, derbsinnlichen, ebenso gewalttätigen, wie gutmütigen Harun al Raschid hinstellen durfte! Laß dich küssen, göttlicher Emil – auch wenn du outriert hast (oder weil...?)! Werner Krauß in einem Danse macabre des Grauens als Jack the Ripper eindrucksvollst, trotz aller Kürze seiner Episode. Conrad Veidt überwältigend als der grausame Feigling auf dem Zarenthron, unvergeßlich in der Wahnsinns-Szene. Dieterle auf Harry Liedtkes Gebiet, an ihn erinnernd in bestrickender Liebenswürdigkeit, ihn weit übertreffend, wo es ernstes Spiel galt. Seine Partnerin die Belajeff: Eine große Hoffnung für die Zukunft. Dreimal ein Bravo dem feinsinnigen Kameramann Lerski, ein Bravo auch dem Kapellmeister und Orchester des U. T.! – Und allen, allen der heiße Dank derjenigen, die es gut meinen mit dem deutschen Film, die eine schöne, große Tat auch zu schätzen wissen, selbst wenn sie – kein "Geschäft" sein sollte. Vom Kitsch zur Kunst ... !