Das Wachsfigurenkabinett

Das Wachsfigurenkabinett

Deutschland 1923/1924, Spielfilm

Das Wachsfigurenkabinett (Drehbericht)


H. M–s. (= Heinz Michaelis), Film-Kurier, Nr.196, 29.8.1923


Ein Wachsfigurenkabinett: An den Wänden die Nachbildungen von Harun al Raschid, Iwan, dem Schrecklichen, Rinalodo Rinaldini und Jack, the Ripper.

In vier verschiedenen Ausdrucksformen stellen sie gleichsam Verkörperungen eines verirrten Machtwillens dar.

Und nun gewinnen die vier in den Visionen eines Träumers ein seltsam unwirkliches Leben, werden zu Helden phantastischer Marionettenspiele, in denen sich aus Traum und Realität gewissermaßen eine wunderbare dritte Welt kristallisiert.

Das ist die Grundlage des Films "Das Wachsfigurenkabinett", der zur Zeit von Paul Leni im May-Atelier in Weißensee gedreht wird.

Wir sehen einige Szenen aus dem Akt, der sich um die Person des heute schon halb legendären Zaren "Iwan", gruppiert, dem sein Volk den Beinamen des Schrecklichen verlieh, jenes halb wahnsinnigen Selbstherrschers, dessen Grausamkeiten im Grunde der schlotternden Angst vor einem unerbittlichen Schicksal entsprangen.

Wir sehen ihn inmitten einer Bojarenhochzeit.

Wie ein Alb liegt seine Anwesenheit über den Hochzeitsgästen.

Ist doch vorher der Vater der Braut infolge einer Verwechslung einem Mordanschlag zum Opfer gefallen, der eigentlich gegen den Zaren gerichtet war.

Leichenstille liegt über der Hochzeitsfeier. Drohend erhebt sich der Zar. Die Starre ringsumher ängstigt ihn.

"Warum tanzt ihr nicht", ruft er, reißt einen Tisch um und schreitet in den Kreis der Gäste, die sich vor dem Zorn ihres Herrschers demütig beugen, wie vor einer dämonischen Naturmacht, gegen die ein Aufbäumen vergeblich ist.

Wie Conrad Veidt diese Szene spielt, ist bei der Aufnahme von starker suggestiver Wirkung.

Man hat das Gefühl: dieser Zar ist ebenso Opfer wie Henker.

Die ganze Szene ist von Paul Leni aus dem Geiste des bewegten Bildes herausgestaltet.

Jede Figur ist Teil einer Gesamtkomposition.

Trotz der historischen Treue der Trachten ist das Ganze nicht etwa auf Historienstil, sondern auf die Stimmung eines Legendenspiels gestellt.

Man glaubt etwa, eine Ballade vom grausamen Zaren an sich vorüberziehen zu sehen.

Mit unermüdlicher künstlerischer Energie arbeitet Paul Leni an jeder Einzelheit, bis die Szene restlos seiner Vision von ihr entspricht.

Dies hier ist ein Film im Werden, der nicht aus der Welt der Wortkunst in die des lebenden Bildes transportiert ist, sondern einer rein optischen Idee entstammt.