Bin ich schön?

Bin ich schön?

Deutschland 1997/1998, Spielfilm

Bin ich schön?



Rainer Gansera, epd Film, Nr. 9, September 1998


Doris Dörries neuer Film bietet ein imponierendes Aufgebot erstrangiger Darsteller des gegenwärtigen deutschen Kinos. Quer durch die Generationen: von Senta Berger, Dietmar Schönherr über Gottfried John, Iris Serben, Joachim Król, Anica Dobra, Maria Schrader bis zur derzeit zweifellos stärksten Erscheinung unter den jungen Talenten: Franka Potente. Der Film hat auf beinahe rührende Weise etwas Familiäres, ist eine Art familiäres Gruppenbild. Auch wenn seine Geschichten bitter, grotesk und tragisch sind.

Ein Mosaik von Figuren und Schicksalen, deren Wege sich zwischen München und Sevilla eher zufällig kreuzen. Verwobene Geschichten, die Doris Dörries zentrales Thema variieren: den Versuch, verschütteten Sehnsüchten, verlorengegangener Leidenschaftlichkeit (sei"s im Glück, sei"s im Schmerz) auf die Spur zu kommen. Stilistisch ist der Film uneinheitlich. Bei den kabarettistischen Nummern und der beziehungskomödiantischen Ironie ist die Regisseurin in ihrem Element. Der bisweilen angesteuerte Ton des Grotesken und des tragischen Ernstes gelingt ihr nicht. Die verschiedenen Schicksale werden in verschiedenen Haltungen erzählt. So haben die Figuren unterschiedlichste Konsistenz. Teils sind sie Karikaturen, teils Typen "wie man sie kennt", teils runde Charaktere.

Ehemann Fred (Oliver Nagele) will Sex, und zwar sofort. Ehefrau Rita (Iris Serben) ist darüber nicht erfreut, aber: "Wenn ich jetzt "nein" sage, schleicht er tagelang stumm durch die Gegend ..." Also läßt sie das Unvermeidliche über sich ergehen und denkt an einen Kaschmirpullover. Dieser Kaschmirpullover sagt ihr nämlich Dinge, die der Ehemann schon lange nicht mehr zu ihr gesagt hat: "... ich mache eine attraktive Frau aus dir ... ich werde dich lieben, wenn dich sonst niemand liebt..."

Auf die Frage "Bin ich schön?" gibt ihr also ein Kaschmirpullover die Antwort. In einer andern Episode ist es eine besonders aufregende Sonnenbrille, an die bei der Umarmung gedacht wird. Für Franziska (Anica Dobra) sind es neue Schuhe, die Holger (Michael Klemm) zum Heiratskandidaten machen. Gefühle leidenschaftlicher Art sind den Figuren abhanden gekommen. Im Ehealltag versickert, in oberflächlichen oder versteinerten oder verfetteten Beziehungen zur Fata Morgana geworden. Ersatzweise heftet man die Gefühle nun an die Versprechungen der Warenwelt. Der Beischlaf wird zur Lachnummer. Im Untergrund der Charaktere lauert Ekel. Man kann sich selbst nicht mehr leiden, den Partner nicht mehr riechen. Das wird bis ins Groteske getrieben.

Herbert (Gottfried John) – wie alle Figuren dem Milieu der Besserverdienenden zugehörig – bereitet sich aufs Schäferstündchen mit der Studentin Jessica (Elisabeth Romano), seiner Geliebten, im häuslichen Ehebett vor. Jessica geht ins Badezimmer und schneidet sich die Pulsadern auf. Größer noch als das Entsetzen über diese Tat ist Herberts Schock über die Blutspur auf dem blitzsauberen Wohnzimmerteppich. Schnell muß der Teppich gereinigt werden. Einer der krassen Momente, in denen der Film selbst nicht weiß, ob er aufschreien, auflachen oder nur bitterböse zynisch sein will.

Hier bleibt er auch in allzu großer Distanz zu seinen Figuren. Überzeugender ist der Film, wo er die Sehnsucht nach starken Gefühlen verhalten darstellt. So in Sevilla, wo Herberts Ehefrau Unna (Senta Berger) nach David (Otto Sander) sucht, den Mann, den sie vor 30 Jahren liebte. Überzeugend ist er auch im rein Komödiantischen. Wenn etwa Tamara (Gisela Schneeberger) über ihre Hippie-Zeit und gescheiterte Ehe räsonniert. Oder wenn Robert (Joachim Król) und Ehefrau Charlotte (Nina Petri) im Autostau einen kabarettreifen Ehekrach hinlegen.

Doris Dörries Erfolgsfilm "Männer" (1985) war der Startschuß für die nachfolgende Flut der "Beziehungskomödien", die eigentlich Komödien der Beziehungslosigkeit waren. Ein Genre, in dem Fühllosigkeit, das Unwohlsein in der eigenen Haut und scheiternde Emanzipationsversuche endlos verwitzelt wurden. Doris Dörrie selbst hat sich in den besten Momenten ihrer Komödien dadurch vom Genre-Durchschnitt abgesetzt, daß bei ihr das der Lächerlichkeit preisgegebene immer auch mit Zuneigung betrachtet ist. Und ihr Erzählstil eine fast französische Leichtigkeit besitzt.

Qualitäten, die man nun auch in "Bin ich schön?" findet. Aber der Film wagt sich dann auch in eine Darstellungszone, wo er Schmerz und Tragik ohne Ironisierung aussprechen will. Juan (Dietemar Schönherr), der um seine verstorbene Frau trauert, schreit seinen Schmerz hinaus. Linda (Franka Potente) bricht bei einer Karwochen-Prozession in Sevilla in einen Klagegesang aus, der zugleich eine Art Triumphgesang ist.

Unfreiwillig komisch werden beide Ausbrüche, weil hier die Darsteller im aufgesetzten Idiom spanischer Leidenschaftlichkeit sich bewegen müssen, das man ihnen nicht abnimmt. Das ist besonders schade bei Franka Potente, weil sie eigentlich die überzeugendste Figur des Films ist. Sie ist nicht auf einen Typus festgelegt und darf ihr Lebensgeheimnis bewahren.

"Bin ich schön?" ist jedoch ein Film, den man nicht nur rein für sich betrachten kann. Aus seiner Entstehungsgeschichte fällt auf ihn ein tragischer Schatten, der ihn nochmal anders konturiert. 1994 hatte Doris Dörrie ihr Buch "Bin ich schön?" veröffentlicht. Siebzehn Geschichten, die sie (zusammen mit Ruth Stadler und Rolf Basedow) zu einem Drehbuch umarbeitete. 1996 begann sie in der Nähe von Almeria mit den Dreharbeiten. Dabei verstarb ihr Lebensgefährte und Kameramann Helge Weindler (siehe epd-Film 5/96). Die Arbeit am Film wurde abgebrochen. Es war dann der Produzent Bernd Eichinger, der Doris Dörrie ermutigte, das Projekt wieder aufzunehmen. Das Drehbuch wurde noch einmal überarbeitet. Die Schauplätze wurden von Almería nach Sevilla verlegt.

Die stilistischen Ungereimtheiten des Films erscheinen für sich betrachtet als "Fehler". Man nimmt sie aber als Echos der privaten Tragödie wahr, als Ausdruck von Trauerarbeit.


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