Die Bergkatze

Die Bergkatze

Deutschland 1921, Spielfilm

Die Bergkatze



W. H–s. (= Willy Haas), Film-Kurier, Nr. 86, 13.4.1921
Eigentlich paradox über so was zu schreiben. Man kann danach soupieren oder Abendbrot essen. Man kann Sekt in einer Diele trinken oder Schnaps in einer Kutscherkneipe. Man kann aufbleiben und Witze erzählen. Oder man kann nach Hause gehen und sich zu Bette legen. Aber danach Gedanken zu äußern, ist an sich stillos. Denn wenn dieser Film überhaupt einen Wert hat, einen ganz unbezweifelbaren, so ist es der, daß er einen von Gedanken befreit, nicht, daß er sie gibt: daß er zerstreut: nicht, daß er anregt.

Immerhin – Lubitsch. Ein Fall, wert diesen Film mit einer etwas weiteren perspektivischen Einstellung zu betrachten. Sonst könnte man nur sagen "schön“ und "gut“: und – Schluß.

Jedoch Lubitsch. Man denkt flüchtig an Max-Reinhardt-Parallelen. An die Gesamtsituation. Es gab eine Zeit, da gehörten Gilbert, Kollo und Meinhardt-Bernauer zur "Großen Revue“, Bassermann und die Durieux der deutschen Bühne. Wir nähern uns mit Riesenschritten einer anderen Ära, in der die deutsche Bühne den Herren Gebrüder Rotter, Kollo, Gilbert und Cie. gehören wird und Max Reinhardt, Bassermann, die Durieux dem Halbvarieté und der großen Revue. Man benennt diese Gesamtsituation meist mit irgendeinem anderen hübscher klingenden Ausdruck, z.B. als "das finanzielle Problem des Großen Schauspielhauses“. Aber der bittere Kern ist: die große Revue, das Varieté.

Ganz genau das ist vielleicht die Situation Lubitsch in diesem Augenblick. Weniger ein Kunstproblem – als eine finanzielle Frage des deutschen Films. So wundervoll ausgearbeitet, elegant, rund, prachtvoll, glatt ein solcher Film ist – etwas tief Schwankendes steht dahinter. Ein Künstler, der von der Kunst zur "Großen Revue“ hinüberschwankt. Aber stark … aber schon sehr stark.

Nur mußt du mich auch recht verstehen: Auf die Gattung kommt’s nicht an. Eine Ausstattungsrevue kann tausendmal wertvoller sein als ein Drama. Ich möchte sogar sagen, die "Bergkatze" ist schon deshalb, und von allem Anfang an, und der bloßen Intention nach besser als die "Anna Boleyn", weil sie dem genialen Offenbach relativ nähersteht, als dem Historiendramen-Schmierer Lauff. Auf die Gattung kommt’s also nicht an.

Aber die Leistung. Eine Operettenrevue kann von Kollo und Gilbert sein, oder, sagen wir, von Kräly: ein Schmarrn. Und sie kann von Offenbach sein, oder, sagen wir, von einem Über-Lubitsch: eine prachtvolle Sache. "Die Bergkatze“ ist – beides. Eine reizende Sache von Lubitsch-Offenbach, und ein Schmarrn von Kollo-Kräly. Aber mehr – das Letztere. …

Schließlich – Amerika. Olympia Music Hall, mit dreitausend feschen Dancing-Girls und farbiger Feendekoration, Feuerwerkzauber, Alhambra-Architektur, Millionenaufwand. Man verlangt das. Lubitsch hatte zu zeigen, daß er"s kann. Eine Art Abiturium für Famous Players. Mit Auszeichnung bestanden, schätze ich. Sub auspicilis imperatoris Zuckor. Doch ließ sich nicht verhindern, daß auch entzückende Sachen darin sind – weil Lubitsch da war. (...)


Es fällt einem vor allem die sympathische Atmosphäre auf: Marke "La Grande-Duchesse de Gerolfstein“. Bramarbasierende Säbelraßler, ulkige Militärstrammheit, Kasernengroteske, Kleinstaaterei, karikierte Räuberromantik. Sehr hübsch: sehr, sehr hübsch. Aber auch ein bißchen sehr harmlos. Amerika-Abiturium: Olympia Music Hall. Witze mit Hosenausziehen: Räubermädel im mondänen Garderobenzimmer, am mondänen Toilettetisch, Hinausschmeiß-Effekte, Verwechslungen – na. Anderes etwa in der Höhe der "Lustigen Blätter". Aber anderes wirklich reizend, nichts anderes als reizend, graziös, witzig: ohne alle Einschränkung. Die Militärkapelle bei der Strafexpedition gegen die Räuber. Das Thränenbächlein des schüchternen Räubers. Der Traum der Rischka. Und viele andere Einfälle. Bild-Einfälle. …
Und natürlich Pracht, viel Pracht. Man erlasse uns, zu beschreiben, wieviel tausend Komparsen, und die feenhaften Feuerwerke, die verschwenderischen Bauten, alles, was gut und teuer ist. Wie immer bei Lubitsch. ...

Und, ebenso natürlich, die Darstellung – will heißen: Pola Negri. Sie kann etwas Verdutztes in ihrem Gesicht herausbringen: zum Schießen. Sonst mehr Temperament, als Humor, mehr flirrendes Tempo als Musik. Das Draufgängerische, Freche, Hinausschmeißerische: unübertrefflich; aber auch im Sanften nicht ohne Zartheit und Lieblichkeit. Am schwächsten wohl im feineren Witz. (...)