Querelle - Ein Pakt mit dem Teufel

Querelle - Ein Pakt mit dem Teufel

BR Deutschland / Frankreich 1982, Spielfilm

Querelle – Ein Pakt mit dem Teufel


Robert Fischer, Evangelischer Filmbeobachter, Nr. 17, September 1982

"Es ist nicht unsere Absicht, zwei oder mehr Figuren – oder Helden, da sie dem Gebiet der Fabel und dem Reiche der Vorhölle entstammen – in unserem Buche möglichst abstoßend darzustellen. Aber man bedenke, daß wir hier ein Abenteuer verfolgen, das sich in uns selbst abspielt, auf dem tiefsten, asozialen Grund unserer Seele. Der Schöpfer, der seine Kreaturen beseelt und freiwillig die Sündenlast dieser aus ihm geborenen Welt auf sich nimmt, befreit und rettet sein Geschöpf und steht damit gleichzeitig über und unter der Sünde. Möge der Leser der Sünde entgehen, während er, durch seine eigenen Möglichkeiten und unsere Erzählung, diese bisher in ihm versunkenen Helden entdeckt..." (Jean Genet, "Querelle de Brest").

Mit offenbarenden, die Präsenz des Autors bewußt betonenden Einschüben wie diesem, rückt Genet den Leser einige Male im Verlaufe seines Romans auf eine Distanz, die notwendig ist, um das Verschmelzen des Schriftstellers mit seinen Gestalten, seinen Helden, wie er sie nennt, in deren Körper und Köpfe er zu schlüpfen scheint und aus deren Haltung, Anschauung und Gedankengut heraus er innere wie äußere Handlungsvorgänge beschreibt, zu kontrapunktieren, sie überhaupt erträglich zu machen. Gerade Genets Roman, in dem sich so etwas wie eine Handlung fast gegen den Willen des Autors entwickelt (weshalb Genet beispielsweise ohne Rücksicht auf Aufbau oder Verlust eines erzählerischen Bogens elliptisch arbeitet, wesentliche Dinge vorwegnimmt und die Lücken später wie beiläufig füllt) und der Schauplatz, die Hafenstadt Brest, mit einer literarischen Subjektivität beschrieben wird, die dem konkreten Benennen dieses Ortes Hohn spricht, gerade Genets Roman also bietet sich für eine Verfilmung, d.h. ein Sichtbarmachen innerer Vorgänge und ihr fotografisches Abbilden auf der Leinwand, nicht unbedingt an. Rainer Werner Fassbinder, der zum Zeitpunkt seines Todes, als er noch an der Endfassung von "Querelle" arbeitete, ebenso alt war wie Jean Genet beim Schreiben des Romans im Jahre 1947 (nämlich siebenunddreißig Jahre), hat sich dieser künstlerischen Herausforderung gestellt und einen Film zustandegebracht, der in seiner Gestaltung der Radikalität der Vorlage erstaunlich nahekommt und auf das von Genet formulierte Bild der "aus dem Schöpfer geborenen Welt" exakt anwendbar ist, wobei der Schöpfer nun ohne jeden Zweifel Fassbinder heißt. Nach "Effi Briest" und "Berlin Alexanderplatz" ist "Querelle" Fassbinders dritte kongeniale Verfilmung eines literarischen Meisterwerks.

Ein Schiffsrumpf, eine Kaimauer mit phallischen Türmchen, eine Hafenkneipe, eine Baustelle, ein verfallenes Gefängnis – jeder Teil von Rolf Zehetbauers Bühnenbild liegt nur wenige Schritte von den anderen entfernt; durch Treppen, verschiedene Ebenen, Winkel und Bogen wird Raum suggeriert, ohne die Suggestion selbst zu vertuschen: Dadurch, vor allem aber durch Xaver Schwarzenbergers Lichtdramaturgie (der gesamte Film ist in das Orange eines einzigen, langen Sonnenuntergangs getaucht, nur Gelb, Blau und Rot setzen Akzente), erhält der Schauplatz den Charakter einer in einer Trommel befindlichen Eigenwelt, umschlossen von einem kreisförmigen, nur wenige Meter durchmessenden Papierhorizont.

Querelle, ein junger Matrose, ermordet kaltblütig seinen Schmuggel-Komplizen Vic. Um dieses Verbrechen erst gültig zu machen, legt er sich selbst die Sühne dafür auf: Er läßt sich von Nono, dem Mann der Bordellbesitzerin Lysiane, lieben. Das führt zu einem heftigen Streit und einer Prügelei mit seinem Bruder Robert, dem Geliebten Lysianes. Obwohl Querelle von der Ausstrahlung des korrupten Polizisten Mario fasziniert ist und sich auch von ihm lieben läßt, glaubt er jedoch erst in dem Maurer Gil, der im Affekt seinen Kollegen Theo umgebracht hat, einen Ebenbürtigen gefunden zu haben, einen Mörder wie ihn. Die Polizei glaubt, der flüchtige Gil sei für beide Morde verantwortlich, und so opfert Querelle als Krönung seiner Schandtat den einzigen Freund, der ihm wirklich etwas bedeutet: Er verrät Gil an Mario, nicht ohne den Maurer zuvor noch als Werkzeug für ein weiteres Verbrechen ausgenutzt zu haben.

Querelle, "in Gefahr, sich selbst zu finden", wie Madame Lysiane es zu Beginn des Films aus den Karten liest, ist seinerseits Ziel eines allesverzehrenden Verlangens: Leutnant Seblon, sein Vorgesetzter (laut Genet der einzige wirklich Homosexuelle unter diesen Männern), ist unsterblich in den Matrosen verliebt und vertraut seine geheimsten Gedanken einem kleinen Sprechgerät an. Eines Tages gerät Querelle dieses Tonband-Tagebuch in die Hände, er lauscht den an ihn gerichteten, aber nicht für ihn bestimmten Liebeserklärungen Seblons und wird dabei von dem Leutnant überrascht. Dieser Moment, der bewegendste des ganzen Films, bereitet schon den Schluß vor: Querelles (unausgesprochener) Pakt mit dem Teufel scheint durch Seblons selbstlose Liebe gebrochen, er verläßt Lysiane, Robert und Mario und folgt dem Leutnant zurück auf das Schiff.

Noch mehr als Genet ist Fassbinder darauf bedacht, sein Publikum auf Distanz zu halten: Außer durch die Stilisierung von Dekor und Licht, die wir oben erwähnten, geschieht dies durch eine zurückhaltende, fast monoton zu nennende Diktion aller Hauptdarsteller und durch Bildarrangements, bei denen die Figuren in fast choreographischen Posen verharren und durch die Querelle wie kein anderes seiner letzten Werke an Fassbinders erste Filme erinnert. Hinzu kommen noch drei Kunstgriffe, die es Fassbinder neben ihrer ebenfalls distanzierenden Wirkung erlauben, Genet zusätzlich zu den Dialogpassagen wörtlich zu zitieren: ein Erzähler im Off (Hilmar Thates Stimme ist unvergleichlich), die Tonbandaufzeichnungen Leutnant Seblons und eine Anzahl von Texttafeln (schwarze Schrift auf weißem Grund), die die Handlung in unregelmäßigen Abständen unterbrechen.

Wer sich auf Genets und Fassbinders Bitte einläßt, Querelle als Helden zu akzeptieren, wird überrascht sein, wie unproblematisch es ist, sich den Provokationen, die Querelles Taten und Handlungen darstellen, auszusetzen und tatsächlich "der Sünde zu entgehen"...