Der müde Tod

Der müde Tod

Deutschland 1921, Spielfilm

Der müde Tod

Paul Ickes, Film-Kurier, Nr. 236, 10.10.1921

(...) Die Sentimentalität entsteht aus urdeutlichen Bildern, die Kleinstadtperspektive beherrscht das ganze Werden vom ersten Augenblick an, das Verhängnis des märchenhaften Lebens greift tief ein, die Liebende erschauert unter der Ohnmacht gegenüber dem urewigen Rätsel ... Bild an Bild reiht sich in einer fabelhaft anmutenden, nahezu unüberbietbaren dramaturgischen Technik ... Und dann prasselt, in feinem Übergang zudem ein wenig verschnitten, eine fremde Welt herein, schlägt der wahnsinnige Tanz der Derwische mitten hinein in die Gefühlswelt der verzweifelten Braut. Hier kann nicht mehr davon die Rede sein, ob jeder der einzelnen Einakter in sich gut geschlossen wurde; auch die Auflösung der einzelnen Episoden im ursprünglichen Thema, die mit außerordentlichen Geschick herbeigeführt wurde, kann es nicht übertünchen, daß die Willigkeit des künstlerisch bedachten Zuschauers einer inneren Aufsässigkeit weicht, daß die Einheitlichkeit des Tones, die Kontinuierlichkeit der Stimmungsentwicklung jäh zerrissen wird.

Nun besteht der Einwand zurecht, daß die Eigenart dieser Film-Legende eine Kontinuierlichkeit an sich ausgeschlossen habe; der Leitgedanke sei vielmehr gewesen, die innere Bekehrung der liebenden Frau und deren Treue bis in den Tod in einer volkstümlichen, volksliedhaften Weise zu schildern, in jener Weise, in der tote Dinge zu leben beginnen und Zauberer über geheimnisvolle Kräfte verfügen. Weiter habe es sich darum gehandelt, die Allgewalt des Todes in allen Zonen zu schildern und an Parallel-Handlungen zu zeigen, wie der große Vernichter die Engheit persönlicher Sorgen überwindet. Wie aber – so möchte ich dem aus Gründen des Kunstwerkes entgegenhalten – läßt sich dieser Wunsch mit der potenzierten Wirkung des Filmbildes in Einklang bringen, da in die Gefühlswelt der Kleinstadt, in ihre zeitlose, deutliche Behäbigkeit die ganz beziehungslose große Außenwelt hineinstürzt, die Stimmung vernichtet – und die jammernd Träumende, die Vereinsamte, von einem lächerlichen China umgaukelt werden läßt? Jede Erzählung dieser anekdotischen Einakter ist ungemein reizvoll, der Bericht der Fiametta ist sogar von entzückendem Reiz, – aber die Episoden durchbrechen die Aufgabe der Rahmenerzählung in der stilfremden Form und gipfeln im chinesischen Teil sogar in einer vollkommenen Verzerrung der ursprünglichen Fabel-Konstruktion. (...)

Die Herausschälung der szenischen Möglichkeiten im Film-Manuskript hat in Anbetracht der investierten stattlichen Kapitalien bestimmtere Bedingungen zu erfüllen, als die literarische Kritik sie bei sich zu beachten hat. Die Gefahr Gelder unwiederbringlich anzulegen – oder aber auch Gelder auf ein unsicheres Auslandsgeschäft hin zu stark zu beanspruchen, zwingt zu Aufwendungen der Phantasie, die mehr vom geschäftlichen als vom ästhetischen Standpunkte aus gebilligt werden. Aber selbst in Würdigung dieser Verhältnisse bleibt die auch geschäftlich lohnende Erwägung angebracht, die einwandfreie innere Geschlossenheit der Filmfabel in ihrer bildhaften Wirkung nicht durch verführerisch naheliegende Exkursionen zerstören zu lassen, solange die logische Konsequenz innerhalb eines gegebenen Stoffes auf fernliegendere Konstruktionen verzichten kann.