Der müde Tod

Der müde Tod

Deutschland 1921, Spielfilm

Der müde Tod

J–s., Film-Kurier, Nr.234, 7.10.1921

(...) der erste Eindruck dieses Films ist verblüffend, er wird für das deutsche Publikum maßgebend sein und er muß es, denn gleicherweise Anklingendes wurde für das deutsche Gemüt wohl noch nicht geschaffen. Hier liegt vom Alltag Abgewandtes, das mit feinster Dichterhand herausgeholt wurde und unter feinster Regiehand Form gewann. Fritz Lang ist der Regisseur, dem dieser einfallreiche Wurf gelang. Hingehaucht in abgetönten Stimmungen liegt die deutsche Landschaft; in erstaunlicher Korrektheit, und doch vom Temperament regiert, schreiten die Personen der Kleinstadt vorüber. Dann ragt dominierend der vermenschlichte Tod auf, er verbindet die deutsche Kleinwelt mit dem exstatischen Blut des italienischen Karnevals, mit dem poetischen Bezarrerien eines imaginären Chinas…und überall herrscht er mit dem flackernden Licht des deutschen Märchens, überall läßt er das große Schweigen erstehen – mit der ursprünglichen Einstellung Langs auf das deutsche Motiv. Und Lang läßt sich hierin tragen von seinen Architekten Walter Röhirg, Hermann Warm und Robert Herlth, die in knappen Ausschnitten ganze Länder kristallisiert, in einem chinesischen Tempel, einem Stück Kanal und einem Marktplatz alle geographischen Illusionen geschaffen haben. Liniengetreu und großzügig im Architektonischen.

In der Darstellung spitzt sich alles auf das Gegenspiel Lil Dagover – Bernhard Goetzke zu. Lil Dagover kämpft gegen den Tod Goetzkes, stets Geliebte – und stets Unterliegende. Stark ist sie in jeder Gestaltung, als deutsches Mädchen, als Zobejde, als Fiametta: sie trennt das Rein-Figürliche, um es im Gefühlsmäßigen zusammenfließen zu lassen, in den Momenten des Schmerzes, der Sehnsucht, des Suchens. Sie hat die Mimik der Hände, bis auf eine einzige Geste der Resignation, und sie spielt mit dieser Mimik in abgewogener Steigerung. Eine vorzügliche Künstlerin. Goetzke ist ihr ebenbürtig: innerlich aufwallend, in versteckter Menschlichkeit, bleibt er gefühllos, kalt; Greisentum geht von seinen Strehnen aus, und Erdenwandlertum von seinem Habitus, den er mit der Ergebung des Unvermeidlichen trägt. Verkörperung des Märchentodes… (...)