Der müde Tod

Der müde Tod

Deutschland 1921, Spielfilm

Der müde Tod

J., Tägliche Rundschau, Berlin, 9.10.1921, zit. nach Film und Presse, Nr. 37/38, 1921

"Ein deutsches Volkslied in sechs Versen" nennt sich dieser Film, den die Decla-Bioscop in langsamer Arbeit durch ihren Spielleiter Fritz Lang fertigstellen ließ; heute kann gesagt werden, daß die langsame Arbeit zu einem ganzen Erfolge geführt hat. (...)

Dieses Märchen ist mit einer fast erschütternden Eindringlichkeit geformt: die Umgebung einer Kleinstadt wurde für das Auftreten des vermenschlichten Todes gewählt, und die Honoratioren dieser Gemeinde verkörpern die selbstgewichtige Überschätzung des einzelnen, seine Selbsttäuschung und seinen enggezogenen Horizont. Da greifen denn die Erlebnisse des Mädchens in ferne Länder über; überall ist – so sagen diese eingeschalteten Einakter – derselbe Schmerz vor dem letzten Rätsel. Sollte deshalb der Tod nach seiner Jahrtausende währenden Vernichtungsarbeit nicht einmal seines Handwerkes müde sein? Märchenglaube, der hier im Film greifbare Form annahm.

Die Darstellung ist besonders bei Lil Dagover und Bernhard Goetzke (Mädchen und Tod) in glücklichsten Händen. In weiteren Rollen ragen hervor Eduard v. Winterstein als Kalif, Karl Huszar als Kaiser von China und Klein-Rogge als Girolamo. Bildlich sind kostbare Stücke gelungen; auch der Tricktechnik bediente sich die Spielleitung wiederholt mit bestem Erfolge. Nur die allzu breite Einschaltung der exotischen Einzelschicksale widerspricht dem Wesen des Films: die sentimentale und so hervorragend schöne Farbe dieses Gemäldes der deutschen Seele wird unharmonisch durchbrochen. Warum? Sollte das ein unschönes Zugeständnis an den Publikumsgeschmack sein, wie man sich ihn denkt?