Werkschau Helke Misselwitz im Filmmuseum Potsdam

01.08.2017 | 12:27 Uhr

Werkschau Helke Misselwitz im Filmmuseum Potsdam

Von 17. August bis 27. August 2017 präsentiert das Filmmuseum Potsdam eine Werkschau mit den Filmen von Helke Misselwitz anlässlich ihres 70. Geburtstags.

Die bekannteste Expedition von Helke Misselwitz, geboren am 18. Juli 1947 in Zwickau, ist "Winter adé". In ihrer Filmreise durch die DDR sprechen Frauen unerwartet offen über sich und die Zustände im Land. Sie ließ kommende Umbrüche vorausahnen und zeigte eine neue Art Dokumentarfilm an. Das Werk von Helke Misselwitz greift jedoch weiter aus, ist in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland angesiedelt. Die Retrospektive lädt zu einer Gesamtschau ein. Spielfilme stehen neben Dokumentarfilmen, Reportagen, Magazin-Beiträgen und eher experimentellen Arbeiten. Neugierig wendet sich die Regisseurin darin den Menschen zu, nimmt gerne Frauen in den Fokus und entlockt all ihren Protagonist/-innen aufschlussreiche Lebensdetails. Oft kreisen die Gespräche um Geschichte und Heimat. Viele ihrer Filme realisierte Helke Misselwitz mit dem Kameramann Thomas Plenert und der Schnittmeisterin Gudrun Steinbrück sowie in den 1990er Jahren begleitet von der Fotografin Helga Paris.

Helke Misselwitz studierte von 1978 bis 1982 an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg (HFF), von 1997 bis 2014 gab sie als Professorin für Regie ihren Erfahrungsschatz weiter, engagierte sich für unkonventionelle studentische Projekte.

Do., 17.8., 18 Uhr
Eröffnung der Werkschau in Anwesenheit von Helke Misselwitz

"Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann"
R: Helke Misselwitz , DDR 1989, Dok., 50‘
Kurzfilme:
"Aktfotografie – z.B. Gundula Schulze"
R: Helke Misselwitz , DDR 1983, Dok., 12‘
"Räume"
R: Helke Misselwitz , Petra Tschörtner, D 1990, Dok., 10‘
Drei charakteristische Filme von Helke Misselwitz. Alle sind mit Berlin und einem Interesse für ungewöhnliche Menschen, zumeist Frauen, verknüpft. Der Kurzfilm über die Fotografin Gundula Schulze, gedreht 1983, handelt von ihren Versuchen, weibliche Akte als Persönlichkeitsporträts zu gestalten. In die Vor-Wendezeit fällt "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann", ein scharf gezeichneter Schwarzweißfilm über eine private Kohlenhandlung im Prenzlauer Berg, die von einer Frau geführt und zusammengehalten wird. Im grauen Ost-Berlin sind die hart gesottenen Männer unterwegs, tragen den Alten ihre Bündelkohlen hoch. Mit Respekt nähert sich Helke Misselwitz einer eingeschworenen Truppe, die schwer arbeitet, gerne trinkt und schließlich erzählt, auch von Republikflucht und Widerstand. In "Räume" sucht sie mit Ko-Regisseurin Petra Tschörtner eine Berliner Familie auf, die Helga Paris in den 1970ern fotografiert hat – nun im Jahre 1990.

Do., 17.8., 20 Uhr
"Winter adé"
R: Helke Misselwitz, DDR 1987, Dok., 116‘
Kurzfilm:
DEFA-Kinobox 39/85 "35 Fotos"
R: Helke Misselwitz, DDR 1985, Dok., 4‘
Eine Bahnreise quer durch die DDR, im letzten Jahr ihres Bestehens und in einer Zeit, die geprägt ist von dem Wunsch nach Veränderung, verbindet Interviews mit Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft. Empathisch und behutsam nähert sich Helke Misselwitz ihren Gesprächspartnerinnen an und erfährt von ihrem Alltag, ihren Problemen und Sehnsüchten. Einige der Begegnungen sind verabredet, andere ergeben sich aus improvisierten Situationen. Während der Zug die vier Jahreszeiten durcheilt, bilden in strengem Schwarzweiß gefilmte Landschaften und Architekturen den Hintergrund. Nicht nur in den verblüffend unverstellten Gesprächen und Beobachtungen, sondern auch im Zusammenspiel von Regie, Kameraarbeit und Schnitt gelang Helke Misselwitz mit "Winter adé" ein überaus authentischer und künstlerisch wichtiger Film. Wegen der politischen Tabubrüche von offizieller Seite abgelehnt, läuft "Winter adé" dennoch 1988 im Wettbewerb des Internationalen Dokumentarfilmfestivals in Leipzig und wird mit der Silbernen Taube ausgezeichnet. Zudem feiert er in den Kinos der DDR einen beachtlichen Erfolg.

Fr., 18.8., 18 Uhr
HFF-Filme von Helke Misselwitz:
"Die fidele Bäckerin"
R: Helke Misselwitz , D: Bärbel Bolle, Margit Bendokat, Hans Uwe Bauer, DDR 1982, 59’
Kurzfilme:
"Verstecken"
R: Helke Misselwitz , DDR 1979, 9‘
"Ein Leben"
R: Helke Misselwitz , DDR 1980, Dok., 30‘

Zwischen 1978 und 1982 studierte Helke Misselwitz an der HFF Potsdam-Babelsberg Regie. All ihre Studentenfilme beschäftigen sich mit deutscher Geschichte. Zwei sind als geschlossener Werkkomplex anzusehen. Sie gehen auf eine im Sperrmüll gerettete Kiste vom Ufa-Filmverleih zurück, in der sich Fotos und Briefe der Berliner Bäckerin Maria Barthel befanden. Der Fund wird in "Ein Leben" dokumentarisch aufbereitet und dient als Folie für ihren Diplomfilm "Die fidele Bäckerin", zugleich Helke Misselwitz‘ erster Spielfilm. Scheinbar Nebensächliches, Weggeworfenes verlebendigt sich zu assoziativen Sichten auf eine starke weibliche Persönlichkeit, die in drei politischen Systemen ihr Auskommen fand – und Verletzungen davon trug. Die Filmübung "Verstecken" ist ebenfalls in der NS-Zeit angesiedelt: Kinderspiele im Hof, ein Mädchen mit Judenstern, Stiefel, Hundegebell, Ängste…

Fr., 18.8., 20 Uhr
"Sperrmüll"
R: Helke Misselwitz , DDR 1989/90, Dok., 80‘
Kurzfilm:
"Tango-Traum"
R: Helke Misselwitz , DDR 1985, Dok., 19‘
Der im Frühsommer 1989 begonnene Dokumentarfilm begleitet den jungen Ostberliner Jugendlichen Enrico, genannt Rizzo, durch bewegende Zeiten. Seine Ausbildung bricht Enrico ab, um sich auf seine Punkband "Sperrmüll" konzentrieren zu können. Auf ausrangierten Objekten trommeln er und seine Freunde sich den Unmut von der Seele, während um sie herum ein ganzes Gesellschaftssystem abgelöst wird. Als Enricos Mutter und Schwester nach Westberlin umziehen, entscheidet er sich klar für den Osten, erlebt dort Demonstrationen und schließlich den 9. November 1989. Doch auch danach sträubt Rizzo sich gegen eine Vereinnahmung durch den Westen. Sperrmüll ist ein einfühlsames Familienporträt und ein einzigartiges Zeitzeugnis, das rare, vor dem Mauerfall entstandene Aufnahmen enthält. Sie geben Einblicke in die Protestbewegungen in Ost-Berlin und begleiten Enrico und seine Familie sogar durch den "Tränenpalast", die Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße. Der Vorfilm "Tango-Traum" von 1985 sehnt die Umbrüche im übertragenen Sinn herbei – über die Beschreibung der Unmöglichkeit, den Tango außerhalb Südamerikas zu erklären.

Sa., 19.8., 18 Uhr
"Herzsprung"
R: Helke Misselwitz , D: Claudia Geisler, Eva-Maria Hagen, Günter Lamprecht, Nino Sandow, D 1992, 87‘

Ein Dorf im Nordosten Brandenburgs nach der Wende: Die Region ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Fremdenhass und Perspektivlosigkeit. Johanna, Mutter zweier Kinder, hadert mit dem Selbstmord ihres Mannes und steht selbst vor der Resignation. Als ein geheimnisvoller Fremder auftaucht, verlieben sich beide. Doch Vorurteile und Abneigung im Dorf führen zu einer Katastrophe. Helke Misselwitz‘ Langspielfilmdebüt wechselt gekonnt zwischen Märchenmotiven und dokumentarisch anmutender Authentizität. "Herzsprung" war einer der ersten privat produzierten Filme, die in Ostdeutschland nach der Abwicklung der DEFA entstanden.
Vorprogramm: Slide-Show mit Set- und Standfotos von Helga Paris

Zu Gast: Schauspielerin Claudia Geisler-Bading und Helke Misselwitz

Sa., 19.8., 20 Uhr
"Engelchen"
R: Helke Misselwitz , D: Susanne Lothar, Kathrin Angerer, Cezary Pazura, D 1996, 91‘
Ramona Schneider, Anfang 30, ist eine unauffällige, hypersensible Fabrikarbeiterin, die zurückgezogen in einem Hinterhaus in der Nähe des Berliner S-Bahnhofs Ostkreuz lebt. Ihre Freizeit verbringt sie damit, aus dem Fenster zu schauen und die ständig streitenden Nachbarn und deren kleine Tochter zu beobachten. Eines Tages läuft Ramona dem polnischen Zigarettenhändler Andrzej in die Arme, der sie kurzerhand küsst, um sich einer Polizeirazzia zu entziehen. Es entwickelt sich eine zarte Liebe zwischen den Beiden, Ramona wird schwanger, doch ihr Glück währt nur kurz. Die wundervoll wandelbare Susanne Lothar verkörpert Ramona in Helke Misselwitz‘ zweitem Spielfilm, der, atmosphärisch dicht fotografiert, von Angst und Vereinsamung erzählt und die extremen Seelenzustände sicht- und verstehbar macht.
Vorprogramm: Slide-Show mit Set- und Standfotos von Helga Paris

Zu Gast: Fotografin Helga Paris und Helke Misselwitz

So., 20.8., 18 Uhr
"Meine Liebe, Deine Liebe"
R: Helke Misselwitz , D 1995, Dok., 87‘
Kurzfilm:
"HAUS.FRAUEN. eine collage"
R: Helke Misselwitz , D: Christine Harbort, DDR 1981, 15‘
Die Soubrette schwimmt, die Stimmbildnerin jätet das Rosenbeet, Aida raucht Kette, Paganini löst Kreuzworträtsel und wandert nach Tiefurt hin und zurück, jeden Tag. Sie alle leben im Altersheim deutscher Bühnenkünstler, das Marie Seebach 1895 in Weimar gegründet hat. In "Meine Liebe, Deine Liebe" nimmt sich Helke Misselwitz den gealterten Menschen an, entlockt den Porträtierten so manches Lebensdetail, manch schöne oder schmerzliche Episode. Über private Erinnerungen öffnet sich die jüngere Vergangenheit – und die Kamera von Thomas Plenert hält den Heim-Alltag fest, blickt auch auf den Ettersberg und das ehemalige KZ Buchenwald. Als Vorfilm zeigen wir "HAUS.FRAUEN.eine collage", eine experimentelle Filmübung der HFF-Studentin Helke Misselwitz, in der sie ebenfalls das 20. Jahrhundert bereist und befragt.

Fr., 25.8., 20 Uhr
"Quartier der Illusionen"
R: Helke Misselwitz , D 2003, Dok., 61‘
Kurzfilm:
"Leben ein Traum"
R: Helke Misselwitz , D 1994, Dok., 30’
Helke Misselwitz beteiligte sich mit Quartier der Illusionen an einer rbb-Reihe zum Thema Heimat. Meist flüchtig streift die Kamera um den Bahnhof Friedrichstraße, hält zufällig den Alltag in dieser gewandelten Gegend fest, in Kneipen, Geschäften und auf der Straße. Für die Regisseurin ist es auch die Rückbesinnung auf eigene Filme und deren Mitwirkende – die Zeit lief weiter, Bilder und Erinnerungen verschwimmen, sind schwer fassbar. Und im Fernsehen Bilder vom Krieg im Irak.
Um einen Raubbau an Heimat geht es in der TV-Reportage "Leben ein Traum". Das Lausitzer Dorf Kausche soll dem Braunkohleabbau weichen. Dem Grün des Ortes und seiner Gärten steht eine graue "Mondlandschaft" gegenüber. Mit dem Dorf geht auch seine Geschichte unter, einiges kann der Film bewahren.

So., 27.8., 20 Uhr
HFF-Filme, betreut von Helke Misselwitz
"Frühlingshymne"
R: Kirsi Liimatainen, D: Elisa Schrey, Vivien Dieck, Mitja Karbautzki, D 2002, 45‘
"Ha’joreh – Der erste Regen"
R: Ester Amrami, D: Roni Ofek, Goni Guy, Michal Levi, D 2009, 17‘
"Pein"
R: Ulrike Vahl, D: Dirk Borchardt, Claudia Geisler, Leonard Proxauf, D 2014, 20‘
Als die Finnin Kirsi Liimatainen 1988 in der DDR den Film "Winter adé" sah, bestärkte er sie "dass ich als Frau so sein durfte, wie ich war und einen Wert als Person habe – so wie ich bin". Zehn Jahre später studierte sie an der HFF in Babelsberg, Helke Misselwitz war dort seit 1997 Professorin für Regie. In ihrer ersten Spielfilmübung Frühlingshymne erzählt Liimatainen von der neunjährigen Iris, die sich zum ersten Mal verliebt und beschließt, wenn sie groß ist, ein Mann zu werden. In 17 Jahren als Professorin hat Helke Misselwitz Regisseur/-innen Wege aufgezeigt, ihre filmkünstlerischen Konzeptionen verteidigt – neben Liimatainen beispielsweise auch Ester Amrami und Ulrike Vahl.

Anschließend: Podiumsgespräch "Mühen und Freuden des Alltags nach der Filmhochschule" mit Ester Amrami, Kirsi Liimateinen, Ulrike Vahl und Helke Misselwitz

Do., 23.11., 19 Uhr (In der Reihe »Zeitschnitt«)
"Fremde Oder / Obca Odra"
R: Helke Misselwitz , D 2000, Dok., 93‘
Im Jahr 2000 bereist Helke Misselwitz die Grenzregion zwischen Deutschland und Polen. "'Fremde Oder' zeigt das Leben am Fluss, konfrontiert mit der wechselvollen Vergangenheit der Region und findet immer wieder Gelegenheit, vom Einzelschicksal auf geschichtliche Zusammenhänge zu überblenden…" (Lexikon des internationalen Films) Eine Zeitreise, die ohne nostalgische Verklärung auskommt und die die "Ablagerungen" der Geschichte in den Aufnahmen der Landschaft reflektiert.

Zu Gast: Helke Misselwitz

Quelle und weitere Informationen: www.filmmuseum-potsdam.de

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