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Quelle: Senator, DIF
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Moritz Bleibtreu
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Inspiriert von einem realen Feldversuch, der 1971 an der amerikanischen Stanford-Universität durchgeführt wurde, erzählt der Thriller "Das Experiment" von einer Gruppe von Durchschnittsbürgern, die sich für ein zweiwöchiges, wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Verfügung stellen. In einer künstlichen Gefängnissituation werden die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt: "Gefangene" und "Wärter". Was wie ein skurriler Spaß beginnt, artet schon bald zu einem Teufelskreis aus Psychoterror, Gewalt und Rebellion aus. Die "Wärter" kosten ihre Machtposition aus, während die "Häftlinge" gegen die Demütigungen ihrer Aufseher aufbegehren. Das Experiment droht außer Kontrolle zu geraten.
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Deutschland
2000/2001, Spielfilm
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Männer im Machtrausch: Oliver Hirschbiegels Thriller "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu
Susan Vahabzadeh, Süddeutsche Zeitung, 07.03.2001
Irgendetwas geschieht mit den Menschen auf dem Weg zur Macht: Egal, mit welchen Idealen sie einmal angefangen haben, im Machtrausch kommen sie an den Punkt, an dem keine Inhalte mehr zählen. Dann ziehen sie in Kriege, die sie nie gewinnen können, erproben ihre Kräfte und wissen gar nicht mehr, wofür. Sie legen zur Not alles in Schutt und Asche – nur für den Kick, den man bekommt, wenn man die totale Kontrolle hat über jemand anders.
Oliver Hirschbiegels Psychothriller "Das Experiment" erzählt von Männern im Machtrausch, von einer Gruppe von Wissenschaftlern und ihren menschlichen Laborratten, von all den kurzen Augenblicken der Entscheidung, in denen ein Mangel an Vernunft den Ausschlag dafür gibt, ob eine Situation eskaliert oder nicht. Eine Gruppe zusammengewürfelter Normalbürger wird ohne jeden Kontakt zur Außenwelt in einen Universitätskeller eingeschlossen – durchnummerierte Wärter und Gefangene in einem wissenschaftlichen Spiel, das irgendwann blutiger Ernst wird.
"Das Experiment" ist Hirschbiegels erster Kinofilm, und man kann nur sagen: Auf einen wie ihn hat das deutsche Kino gerade gewartet. Gut gemachtes Genrekino ist hierzulande selten; Hirschbiegels "Experiment", beim diesjährigen Bayerischen Filmpreis für Drehbuch, Kamera und Regie ausgezeichnet, soll beweisen, dass das nicht so sein muss. Das ist auch gelungen. Mit so viel Lust am Erzählen hat schon lange keiner mehr einen deutschen Psychothriller gedreht.
Der Taxifahrer Tarek (Moritz Bleibtreu), ein verkrachter Journalist, bewirbt sich auf eine Zeitungsanzeige für ein Forschungsprojekt, in der Hoffnung, dass ihm eine Geschichte darüber den Wiedereinstieg ins Geschäft ermöglicht. Er und die anderen Probanden werden in den Keller gesperrt, zwölf als Häftlinge, die anderen acht als ihre Wärter. Oben im Kontrollzentrum sitzen ein Professor und sein Team und warten darauf, das etwas geschieht, beobachten, wie ihre Versuchskaninchen mit dem Gefühl umgehen, andere schikanieren zu können oder schikaniert zu werden. Ein Experiment über das Zusammenspiel von Macht und Verantwortungsgefühl und über die Grenzen dessen, was man Menschen zumuten kann, bis sie sich wehren.
Es ist von vornherein klar, dass die Situation unten im Keller irgendwann eskalieren wird; die meisten der Eingeschlossenen werden dem Druck nicht standhalten. Hirschbiegel hat das perfekt inszeniert: ein Sammelsurium von gescheiterten Gestalten, die entweder des Geldes wegen hier unten sitzen oder weil sie hoffen, dass endlich irgendetwas passiert, wovon sie ihren Enkeln erzählen können; das kalte Neonlicht und das lieblos zusammengezimmerte Forschungsgefängnis – hier unten entsteht eine beklemmende Atmosphäre, in der sehr schnell ein jeder sein Schlechtestes gibt. Die Wärter beginnen, ihre Häftlinge zu bezwingen, nur um an der Macht zu bleiben – und die Häftlinge verlieren jedes Gefühl dafür, dass erstens in zwei Wochen alles vorüber sein wird und es zweitens nicht wirklich zählt, ob hier irgendwer sein Gesicht verliert.
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Mittendrin versucht Tarek, das Ganze anzuheizen, die anderen zu manipulieren: Nur wenn wirklich etwas passiert bei diesem Experiment, hat er hinterher die spektakuläre Geschichte, die er so gern verkaufen will. Zwischen Keller und Kontrollraum tut sich bald noch eine andere Perspektive auf. Die Versuchskaninchen begreifen kaum, worum es geht; aber auch oben vor den Bildschirmen wird den Forschern nur zögerlich klar, dass sie Teil ihres eigenen Experimentes sind: Auch sie laufen ständig Gefahr, ihre Macht missbrauchen. Nur eine Frau spielt im Geschehen wirklich eine Rolle – eine Wissenschaftlerin, die in der Herrenrunde das weibliche Gewissen abgibt. Es ist vielleicht kühn, davon auszugehen, dass Frauen und Männer nicht den gleichen psychologischen Gesetzen unterliegen – dass sich die Wissenschaftlerin in einem männlich dominierten Team nicht an den territorialen Machtkämpfen beteiligt, ist aber vielleicht dennoch ganz gut beobachtet.
Da hat sich also einer getraut, es mit dem US-Kino aufzunehmen, hat einen deutschen Psychothriller gedreht, und er ist spannend, gut gespielt und die Ästhetik des Films hat wirklich etwas mit der Geschichte zu tun, die er erzählt – und am Ende ist da dennoch irgendetwas nicht in Ordnung.
So viel Freude es auch macht, Oliver Hirschbiegel zuzusehen, wie er die Geschichte immer weiter treibt: Er treibt sie dann doch zu weit. Für "Das Experiment" wird damit geworben, dass der Film nicht etwa reine Fiktion ist – der Roman von Mario Giordano, auch beim Drehbuch Co-Autor, basiert auf "einer wahren Begebenheit", wie das Plakat verkündet. Es ist aber dennoch bezeichnend, dass man auch ohne Kenntnis der realen Hintergründe sehr wohl bemerkt, von welchem Punkt aus hier die Realität weitergesponnen wurde. Es geht hier sicher darum, den Plot nicht vorhersehbar werden zu lassen, zu überraschen und ein spektakuläres Ende zu finden – nur verliert die Geschichte dabei gegen Ende den Boden unter den Füßen.
Wenn im Zellentrakt das große Gemetzel ausbricht, verlieren zu viele Menschen zu schnell den Überblick; und das ist in einem Film, in dem es um die Grenzen der Vernunft geht, nicht sehr vernünftig. Am Ende ist offenbar niemandem mehr klar, dass Mord auch im Rahmen von wissenschaftlichen Experimenten strafbar ist. Davon wird die Geschichte aber nicht spannender – nichts ist uninteressanter als eine Wendung, der man nicht mehr folgen kann. Da steht Hirschbiegel wohl doch der dauernde Misserfolg des deutschen Kinos im Weg. Die Leichtigkeit und das Selbstbewusstsein der amerikanischen Vorbilder kann man nicht nachahmen. Dass die Eskalation zu laut, zu brutal und zu blutig ist um wahr zu sein, dass ein überflüssiger Handlungsstrang immer wieder von einer Frau erzählt, mit der Tarek draußen eine Liebesgeschichte angefangen hat, obwohl diese Szenen mit den Ereignissen im Universitätskeller gar nichts zu tun haben – das zeugt von einem Mangel an Vertrauen in den eigenen Plot; und das ist, besonders in diesem Fall, ein bisschen schade. Da wäre weniger mehr gewesen.
Es geht den Filmemachern nicht anders als den Wissenschaftlern: Manchmal ist es gerade die Sehnsucht danach, die Dinge unter Kontrolle zu bringen, die dazu führt, dass man sie verliert.
Lizenziert durch DIZ München GmbH
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1.634.607 (Stand 2002), Quelle: FFA
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