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Curt (Kurt, Curtis) Siodmak – Autor, Regisseur
Kurt Siodmak, geboren am 10. August 1902 in Dresden, Sohn des Kaufmanns Ignatz Siodmak und seiner Frau Rosa Philippine, geb. Blum; sein älterer Bruder Robert (1900-73) wird Filmregisseur. Besuch der Dreikönigsschule, nach dem Abitur Studium der Mathematik, Physik und Ingenieurwissenschaft in Dresden, Berlin, Stuttgart und ab 1926 in Zürich, wo er 1930 seine Magister-Prüfung in Mathematik ablegt. Seinen Lebensunterhalt während des Studiums verdient er u.a. durch Arbeit bei der Reichsbahn. In der Schweiz lernt er die Architektin Baroness Henrietta Erna de Perrot kennen, mit der er zusammenlebt und die er 1931 heiratet; 1933 wird in England ihr Sohn Geoffrey Curt Siodmak geboren.
Mitte der 20er Jahre beginnt Siodmak, in Zeitschriften wie Uhu (Ullstein) und Die Woche (Scherl) Erzählungen zu veröffentlichen. Die ersten Versuche erscheinen zunächst in Das Magazin (Gründer und Schriftleiter: Robert Siodmak) unter dem Pseudonym "Curt Baron", darunter eine erste Science-fiction-Story über Teleportation (fernes Reisen durch Desintegration). Die Woche bringt u.a. "Die Eier von Tangayika" (1926) über gigantische, blutsaugende Tsetse-Fliegen, deren Eier ein Forscher aus Afrika mitgebracht hat und die in Berlin Unheil anrichten. 1929 kommt sein in einem Hüttenwerk spielender Roman "Helene droht zu platzen!" zunächst in Fortsetzungen in Die Woche, dann als Buch bei Scherl heraus.
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Nachdem ihm der Zutritt zu den Dreharbeiten von "Metropolis" als Reporter verwehrt worden ist, wirkt er gemeinsam mit Henrietta de Perrot als Statist mit. Er übersetzt die Zwischentitel für Mack Sennett-Komödien, schreibt ab 1928 Drehbücher, entwickelt u.a. die Idee für den dokumentarisch angelegten Spielfilm "Menschen am Sonntag", aus der Billie Wilder ein Drehbuch macht, das zum ersten Regie-Erfolg Robert Siodmaks wird, für den Kurt Siodmak auch die Komödien "Der Kampf mit dem Drachen" und "Der Mann, der seinen Mörder sucht" verfaßt.
Siodmaks Kriminalroman "Schuß im Tonfilmatelier" behandelt die gerade etablierte Tonfilmtechnik und wird 1930 von ihm und Egon Eis erfolgreich zu einem Drehbuch verarbeitet, das Alfred Zeisler inszeniert. Es ist einer der wenigen deutschen Filme, die das Filmmachen selbst thematisieren. Siodmak beschäftigt sich jedoch zunehmend mit utopischen Stoffen. In "Die Rache im Äther" (1932) gelingt es einem modernen Monte-Cristo mittels eines Strahlensystems, das Energie von Afrika nach Europa transportiert, einen Industriekonzern aufzubauen und seine Feinde zu ruinieren.
Die Verfilmung seines vielbeachteten Romans über den Bau einer Flugzeug-Landeplattform mitten im Ozean, "F.P.1 antwortet nicht" wird von Erich Pommer für die Ufa zugleich auch in französischer und englischer Fassung produziert. Es ist der letzte Film, an dem Siodmak in Deutschland beteiligt ist, ein internationaler Erfolg, der ihm später im Exil als "Visitenkarte" manche Türen öffnet. 1933 hört er im Kaiserhof Goebbels' berüchtigte Rede über die Zukunft des deutschen Films und flüchtet darauf in den Tessin, von wo ihn jedoch die schweizer Fremdenpolizei verjagt. Unterdessen wird in Berlin sein gesamter Besitz, Bücher und Manuskripte, von der Gestapo beschlagnahmt.
In Frankreich schreibt er für seinen ebenfalls geflohenen Bruder das Buch zur optimistischen Krisenbeschwörung "La crise est finie", lernt Sartre, Simone de Beauvoir und Malraux kennen, muß aber mangels genügender Französischkenntnisse sein Glück in England suchen.
Im Herbst 1933 verschafft Walter Mycroft ihm – gemeinsam mit Friedrich Zelnik – vorübergehend Arbeit in den British International Studios in Elstree. Siodmak wird jedoch bald aus Großbritannien ausgewiesen, pendelt neun Tage auf der Fähre zwischen England und Frankreich hin und her und läßt sich in Belgien nieder, bis er eine britische Arbeitsbewilligung erhält. Unterdessen verfaßt er ein Drehbuch über Hortense Schneider, Offenbachs Lieblingsdarstellerin. Der für Frances Day geplante Film kommt nicht zustande und Siodmak arbeitet den Stoff drei Jahrzehnte später zum Roman "For Kings Only" um. Michael Balcon (British Gaumont) holt Siodmak nach London zurück, wo er ihm die Adaption von Bernhard Kellermanns Roman "Der Tunnel" übergibt, den Regisseur Maurice Elvey unter Verwendung zahlreicher Trickeffekte verfilmt. Die politische Parabel – Engländer und Amerikaner reichen sich unter dem Atlantik die Hand und verbünden sich im Kampf gegen kommende Feinde – verhilft Siodmak zum professionellen Durchbruch. Alfred Hitchcock läßt ihn 1935 das Drehbuch "The Deaf-Mute" schreiben, für Gaumont-British und seinen Freund, den Regisseur Leslie Arliss, verfaßt er die Drehbücher "Cagliostro" (1936), "Rob Roy, the Highland Rogue" nach Walter Scott und "Victoria and Disraeli" (1937); alle diese Projekte kommen nicht zustande. Für Alexander Korda ist er an Josef von Sternbergs unvollendet gebliebener Verfilmung von Robert Graves' "I, Claudius" beteiligt. 1937 veröffentlicht der schweizer Morgarten Verlag Siodmaks letzten deutschsprachigen Roman, "Die Macht im Dunkeln": Ein idealistischer Physiker wendet die von ihm entdeckte Unsichtbarkeitsformel auf seine Privat-Armee an und läßt die Kriegsstifter des Planeten systematisch umbringen, bis es den Vereinten Nationen gelingt, diesen eigentümlichen "Friedensdiktator" vermittels bakteriologischer Waffen zu bändigen. Einmal mehr stehen Science-fiction und Fantastik im Dienst einer politischen Parabel.
Im Sommer des gleichen Jahres schifft sich Siodmak gemeinsam mit Arliss nach den USA ein, wo er kein Unbekannter mehr ist: "The Eggs of Tanganyika" ist in Hugo Gernsbacks legendärem Pulp-Magazin "Amazing Stories" erschienen, "F.P.1 Doesn't Reply" bei Little Brown in Boston. Er beginnt bei Paramount mit dem Do-rothy Lamour-Südseefilm "Her Jungle Love" und wird wiederholt als "script doctor" beschäftigt. 1938 beteiligt er sich aktiv mit Billy Wilder, Charles Brackett und Julius Epstein an der Gründung der "Screenwriters Guild of America", 1939 tritt er der "Anti-Nazi League" bei. Joe May führt ihn ein Jahr darauf bei Universal ein, wo er sich bald mit dem Drehbuch zum höchst kassenträchtigen "The Invisible Man Returns" und dessen Fortsetzungen als bester Science-fictionund Horrorfilm-Spezialist des Studios profiliert.
Weltruhm erwirbt er sich mit dem im Sommer 1942 verfaßten Roman "Donovan's Brain", der in mehr als zehn Sprachen übersetzt und bis 1962 viermal verfilmt wird; Orson Welles adaptiert ihn für den Rundfunk (CBS 8.5.1944). Ebenfalls 1942 kommt Siodmaks größter Erfolg als Drehbuchautor heraus, "The Wolf Man" mit Lon Chaney Jr. Im folgenden Jahr verhilft er seinem Bruder Robert mit "Son of Dracula" zum Durchbruch in Universal City und damit zur Hollywood-Karriere. 1943 erhält Curt Siodmak die amerikanische Staatsbürgerschaft und meldet sich zum "Office of Strategie Services" (O.S.S.); nach einer Ausbildung als Geheimagent in San Diego arbeitet er in einer Propagandaabteilung in Washington, wo er Flugblätter gegen Nazi-Deutschland verfaßt, daneben auch politische Artikel für die Exilzeitschrift Die Freiheit. In Zusammenarbeit mit Produzent Val Lewton und Regisseur Jacques Tourneur entstehen für RKO der poetische Gruselfilm "I Walked With a Zombie" und der in Europa gedrehte Nachkriegsfilm "Berlin Express".
Aufgrund einer Absprache mit seinem Bruder Robert, sich auf ihren Gebieten (Regie / Buch) nicht in die Quere zu kommen, führt Curt Siodmak erst 1951, nachdem sein Bruder wieder nach Europa gegangen ist, bei dem Realart-Quickie "Bride of Gorilla" selbst Regie. 1956/57 fungiert er als Produzent, Regisseur und Autor für "Curucu, Beast of the Amazon" und "Love Slaves of the Amazon", die in Brasilien (Sao Paolo bzw. Manaos) hergestellt werden. Die 1959 in Stockholm von Siodmak verfasste und verfertigte dreizehnteilige TV-Serie "No.13 Demon Street" ("The Devil's Messenger") kommt verstümmelt in die Kinos (als Regisseur wird der Cutter Herbert L. Strock genannt) und außerdem 1960/61 von CBS Television unter dem Titel "Thriller" plagiiert. Seinen letzten Film, die Sex- und Sportklamotte "Ski Fever"/"Liebesspiele im Schnee" dreht Siodmak 1966 in der Tschechoslowakei. Gewichtigere Projekte kommen wegen des Sechstagekriegs in Israel ("The Most Perilous Journey" nach Henryk Sienkiewicz) und Alexander Kordas Tod ("For Kings Only") nicht zustande. 1963 wird Ladislao Vajdas "Das Feuerschiff", für den Siodmak eine Erzählung von Siegfried Lenz adaptiert hat, mit einem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.
Auf seiner Ranch in Three Rivers, bei Sequoia Park in den kalifornischen Bergen, wo er seit 1957 mit seiner Frau Henrietta lebt, arbeitet er an seinen Memoiren, mehreren Romanen und Grusel-Musicals ("Song of Frankenstein", "Peter Schlemihl"); er hält Vorträge an der Stanford University sowie im Weizman Institute of Science in Rehovot, Israel. Die US Mail gibt innerhalb einer Serie mit Kino-Monstern auch eine Briefmarke mit Siodmaks Schöpfung "Wolfman" heraus. Eine Curt Siodmak Collection entsteht in der Mugar Library der Universität in Boston, Mass. Die Berlinale 1998 widmet ihm und seinem Bruder Robert eine umfangreiche Retrospektive, die er als Ehrengast besucht.
Curt Siodmak stirbt auf seiner Ranch in Three Rivers am 2. September 2000 an Krebs.
CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film © 1984ff edition text+kritik im Richard Boorberg Verlag, München.
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*10.08.1902
Dresden
; †02.09.2000
Three Rivers, Kalifornien, USA
Mitwirkung, Regie, Drehbuch, Drehbuch-Mitarbeit, Vorlage, Idee
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