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Szene mit Günter Wallraff (rechts)
Quelle: DIF
Szene mit Günter Wallraff (rechts)
Im Jahr 1985 landete Günther Wallraff mit dem Reportage-Buch "Ganz Unten" einen Aufsehen erregenden Bestseller. Wallraff beschreibt darin seine niederschmetternden Erfahrungen als vermeintlich türkischer Arbeiter in den Thyssen-Stahlwerken.

Ganz unten
BR Deutschland 1985/1986, Dokumentarfilm
Wie aus zweiter Hand
Zu Günter Wallraffs "Ganz unten" als Film

Hans-Dieter Seidel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.1986

Das Buch zum Film ist seit längerem ein bewährtes Vermarktungsprinzip. Der Film zum Buch hat dagegen weniger Konjunktur. Und die Millionenauflage eines Bestsellers wider Erwarten macht die erwarteten Zuschauermillionen im Kino keineswegs gewiß. Wer immer geglaubt haben mag, das grandiose Geschäft mit Günter Wallraffs "Ganz, unten" ließe sich grandios verdoppeln, hat vor der Leinwand erst einmal das Nachsehen. Um Wallraffs aufgeschriebene Enthüllungen rissen sich seit Herbst vergangenen Jahres die Leute, der Wallraff in Person, als getürkter Türke, läßt sie jetzt offenbar kalt.

Gründe für dieses nur scheinbar widersprüchliche Konsumentenverhalten sind zu finden. Das Buch "Ganz unten", in dem sich einer mit fremden Augen sein Land vornehmlich dort besah, wo es ganz dreckig ist, durfte mit Recht auf die Empörung des Lesers rechnen. Was Wallraff zutage förderte beim sogenannten Verleih von Arbeitskräften und bei der gezielten Ausbeutung dieser Menschen nimmt sich zu Teilen geradezu ungeheuerlich aus. Wenn der Film, von Wallraff gemeinsam mit Jörg Gförer realisiert, diese Empörung nun aber neuerlich einzuklagen sucht, so geschieht das wie aus zweiter Hand. Zwar könnte die leibhaftige Anschauung unmittelbarer noch bewegen als das geschriebene Wort, aber sie bleibt auch ungleich stärker dem Zufall verhaftet, entbehrt des notwendigen Zusammenhangs. Nicht nur, wohin es den Türken Ali Levent alias Wallraff als Leiharbeiter tageweise verschlägt, ist unberechenbar geworden, sondern auch die Tatsache, welche Filmaufnahmen dabei gelingen und welche nicht. Bewiesen wird nicht länger, was bewiesen werden soll, sondern was bewiesen werden kann. Das ist der eine Mangel.


Der andere: Der Film hat eine moralische, aber keine sinnliche, also sinnfällige Qualität. Die meisten Aufnahmen mußten mit einer Videokamera gemacht werden, die in Wallraffs Arbeitstasche versteckt war. Verschwommene und verwackelte Bilder, verzerrte und verrutschte Perspektiven sind das Ergebnis. Es wäre schlicht unbillig, nun ästhetisch zu argumentieren und eine gefälligst bessere Bildqualität zu verlangen. Aber es lässt sich nicht leugnen, daß die gleichsam subjektive Kamera dem Film, der ja verborgene Dinge ans Licht zu holen sucht, etwas Thrillerartiges verleiht, das gänzlich unangemessen wirkt. Und wenn Wallraff und Gförer, um die undeutlichen und zu dunklen Aufnahmen durch Verfremdung kenntlich zu machen, mit glutroten Einfärbungen arbeiten, vor denen Wallraff dann seine flammenden Anklagen in die Kamera spricht, dann geht noch der letzte Rest des dokumentarischen Ansatzes verloren.

Für seine Enthüllungen mußte Wallraff die Wirklichkeit auch inszenieren, das ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Und die unglaublichen Methoden eines Vermittlers von Leiharbeitern, der mit seiner ganzen Naßforschheit im .Mittelpunkt des Films steht, lassen den Betrachter gewiß nicht ungerührt, doch in der Folge des schon Aufgeschriebenen ist das zuwenig: Der Film breitet das Material aus, auf das Wallraffs Buch sich stützt, aber er liefert keine Erkenntnis die darüber hinausginge. Deshalb brauchen ihn Leser nicht zu sehen.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Jegliche Veröffentlichung in elektronischer Form exklusiv über Frankfurter Allgemeine Archiv


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